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STIKO-Chef Mertens : Ruhepol der Wissenschaft

Wissenschaft entscheidet: STIKO-Chef Thomas Mertens Bild: dpa

Die Kritik war oft harsch, doch der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission hat sich nie aus der Ruhe bringen lassen. Einziges Kriterium für Entscheidungen ist für Thomas Mertens die wissenschaftliche Erkenntnis.

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          Man hätte es wissen können, und er wusste es auch. Nach einer entsprechenden Modellierung des Robert Koch-Instituts (RKI) war Thomas Mertens bereits im Juli klar, welche gewaltige neue Corona-Welle auf Deutschland zurollen würde. Im ZDF sagte der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission STIKO, auch die Ursachen für die derzeit angespannte Lage habe man damals schon ablesen können: dass sich nämlich die Infektionskurve nur über eine hohe Impfquote in der „mobilen Generation“ der Achtzehn- bis Neunundfünfzigjährigen abflachen ließe. „Und das ist eben nicht gelungen.“

          Christian Geinitz
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Bei seinem Gremium sieht der Einundsiebzigjährige dafür keine Verantwortung, wohl zu Recht, denn für die Impfkampagne sind Bund und Länder zuständig. Nicht zuletzt Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), mit dem Mertens in der gesamten Pandemiezeit maximal zehnmal telefoniert, sich aber öfter Nachrichten geschickt haben will. Aus heutiger Sicht hätte man Spahn vielleicht lauter warnen müssen, sagt Mertens selbstkritisch, andererseits habe der Minister die RKI-Daten selbst gekannt.

          Entscheidung streng nach Datenlage

          Spannungen zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit hat der Virologe in der Corona-Zeit oft erfahren. Nicht selten schüttelte er den Kopf über die mangelnde Einsicht der Laien und über das Unverständnis darüber, was die STIKO leisten kann und was nicht. Die Impfempfehlungen etwa basieren auf Forscherdaten, und wenn diese fehlen oder sich widersprechen, dann halten sich die achtzehn Ehrenamtler zurück, mitunter revidieren sie frühere Meinungen. Etwa bei der Frage, für welche Altersgruppen die Vektorimpfstoffe geeignet seien. Später zogen Mertens und sein Expertenrat Missbilligung auf sich, weil sie erst spät eine generelle Immunisierungsempfehlung für Kinder abgaben. Das wiederholt sich jetzt, denn auch bei den Auffrischungen hat sich die ­STIKO Zeit genommen. Immerhin kündigte Mertens am Mittwoch an, bald eine Empfehlung für alle von 18 Jahren an auszusprechen.

          Auch wenn STIKO-Kritiker wie der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sich schnellere Beschlüsse wünschen: Das Gremium entscheidet eben nach Datenlage, die gründliche Abwägung braucht, nicht nach politischer Notwendigkeit. Letzteres ist Aufgabe von Bund und Ländern, wenn ihre Regierungschefs an diesem Donnerstag zur Ministerpräsidentenkonferenz zusammenkommen. Mertens lässt sich von der Berliner Hektik nicht aus der Fassung bringen. Der gebürtige Freiburger, der zunächst Mathematik studierte, ist hauptberuflich längst im Ruhestand. Bis 2018 war er Ordinarius für Virologie an der Universität Ulm und Ärztlicher Direktor am dortigen Universitätsklinikum.

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