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Im neuen Schuljahr : Welcher Lernstoff ist verzichtbar?

Schüler einer vierten Klasse sitzen zu Beginn des Unterrichts Anfang Mai in Dresden auf ihren Plätzen. Bild: dpa

Auch nach den Sommerferien wird der Unterricht anders sein als gewohnt. Drei Szenarien sind denkbar. Die Friedrich Ebert Stiftung schlägt nun vor, Prüfungs- und Lehrinhalte zu reduzieren. Streit ist programmiert.

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          Auch wenn die meisten Länder versuchen werden, zu einem Regelbetrieb in den Schulen zurückzukehren, wird das kommende Schuljahr kein gewohntes sein. Die Staatssekretäre der Kultusministerien in der Kultusministerkonferenz (KMK) versuchen die Schulen deshalb in einem Papier auf verschiedene Szenarien im kommenden Schuljahr vorzubereiten. Schneller war die SPD-nahe Friedrich Ebert Stiftung mit ihrem schulpolitischen Engagement, die eine unabhängige Kommission mit Schulpraktikern, Eltern, Medizinern, Schulrechtlern, Schulpsychologen, kommunalen Verwaltungen, Lehrern und Schulleitern unter Vorsitz des Bildungsforschers Kai Maaz, dem geschäftsführenden Direktor des Leibniz Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation eingesetzt hat.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Für das neue Schuljahr, das in einigen Bundesländern schon Anfang August wieder beginnt, sind drei Szenarien denkbar: die Rückkehr zum Präsenzbetrieb, der Wechsel von Präsenz- und Fernunterricht und im schlimmsten Falle einer zweiten Pandemiewelle oder eines Infektionsherds an einer Schule der Fernunterricht als Regelfall.

          Ein intelligenter Fernunterricht besteht für Maaz nicht darin, Arbeitsblätter zu digitalisieren, sie ausfüllen zu lassen und wieder zurückzuschicken, sondern aus interaktiven Lernmöglichkeiten im Netz. Die Kommission plädiert deshalb für Mindestanforderungen digitaler Technologien und eine entsprechende Qualifizierung der Lehrer, die in allen Ländern gültig sind. Digital gestütztes Lernen müsse die Schüler und ihre Lernprozesse im Auge haben und nicht die Technologie.

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          Die Kommission plädiert für exemplarisches Lernen

          Das neue Schuljahr ist nicht nur wegen der bleibenden Unsicherheit über die Infektionsentwicklung so schwierig zu planen, es muss auch die Defizite aus der Zeit der Schulschließungen aufholen und wird dafür auch Stundenpläne und Lehrpläne kürzen müssen. „Dies sollte nicht zu Lasten der Qualität schulischer Bildung führen, sondern den Lehrkräften die notwendigen Freiräume für den pädagogisch-konstruktiven Umgang mit den hygienebedingten Einschränkungen der Lehr-Lernmöglichkeiten ermöglichen“, heißt es in den Empfehlungen salomonisch.

          Es ist aber jetzt schon absehbar, dass angesichts der ohnehin schon stark gekürzten Lehrpläne Streit über die Streichthemen aufkommen wird: Droht beim Verzicht auf den „Satz des Thales“ in Mathematik oder auf eine bestimmte Epoche der Lyrik im Fach Deutsch der Untergang des Abendlandes? Die Kommission plädiert für exemplarisches Lernen. Lernen erschöpfe sich nicht in der linearen Anhäufung von Wissen und Lehren nicht auf wenig produktive Stoffvermittlung, sagt Maaz. Ohne Qualitätseinbußen wird das aber nur dann gehen, wenn es sich um anspruchsvollen Unterricht handelt.

          Dem derzeit üblichen Modell, dass der Präsenzunterricht sich auf die Kernfächer wie Deutsch, Mathematik und Fremdsprache konzentriert widerspricht die Kommission entschieden. Stundenplankürzungen zu Lasten der sogenannten Nebenfächer hält sie für unangemessen. Nur in der Grundschule sollte der Schwerpunkt auf mathematische und sprachliche Kompetenzen liegen, in der Sekundarstufe auf fachinhaltliche Begründungen. Aber auch in den weiterführenden Schulen sollen Lesen, Schreiben und Rechnen als Schlüsselqualifikationen im Unterricht aller Fächer weiter gefördert werden.

          Private Lernanbieter sollen helfen

          Mit der Kürzung der Lehrpläne verbunden ist eine Reduktion der Prüfungsinhalte, ohne das Anspruchsniveau zu senken. „Anzahl und Umfang von Prüfungssituationen wie Klassenarbeiten oder Tests sollten ebenfalls reduziert werden“, heißt es in den Empfehlungen. Stattdessen sollten Situationen der Leistungsfeststellung und -bewertung stärker der Rückmeldung an Schüler dienen, um Lernprozesse zu korrigieren. Auch von einer Verlängerung der Lernzeit bis zum mittleren Schulabschluss oder eine um ein Jahr ausgedehnte gymnasiale Oberstufe ist die Rede. Das sind Erwägungen, die Finanzminister in den Ländern nicht gern hören werden, denn es handelt sich dabei um handfeste Kostenfaktoren.

          Um die verstärkte Leistungsspreizung zwischen fast abgehängten Schülern, die während der Schulschließungen kaum erreicht oder nicht angeleitet wurden und solchen, die womöglich zuhause noch mehr gelernt haben, auszugleichen, schlägt die Kommission auch Lösungen vor, die in der bisherigen Integrationseuphorie als wenig opportun galten: Es soll Stützkurse während der Schulzeit geben, außerdem sollen die Schulen möglichst rasch auf außerschulische Anbieter wie Lerntherapie-Praxen zugehen, um zusätzliche Angebote für die Sommerferien zu vereinbaren. „Allerdings müssen schulisches Lernen und außerschulisches Lernen eng verbunden werden“, bekräftigt Maaz. Darüber hinaus ist es für Schulen schwer, die Qualität außerschulischer Anbieter realistisch einzuschätzen.

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