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Nach Sterbehilfe-Urteil : Ein Dammbruch droht

Krankenschwester bei einem Patienten Bild: © epd-bild / Werner Krüper

Die geschäftsmäßige Beihilfe zur Selbsttötung könnte nach dem Karlsruher Urteil zur Sterbehilfe Normalität werden. Jetzt ist wieder der Gesetzgeber gefragt – damit Selbstbestimmung nie zur Fremdbestimmung wird.

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          Das Bundesverfassungsgericht hält das Recht auf selbstbestimmtes Sterben hoch – und erklärt das vom Gesetzgeber erlassene Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung für nichtig. Schon das allein ist ein Paukenschlag. Es ist durchaus selten, dass eine allgemeine Strafnorm für verfassungswidrig erklärt wird.

          Die Begründung aus Karlsruher Sicht: Durch dieses strafrechtliche Verbot würde die Möglichkeit eines assistierten Suizids faktisch weitgehend entleert. Die Entscheidung, das eigene Leben zu beenden, stuft der Zweite Senat als von existentieller Bedeutung für die Persönlichkeit eines Menschen ein: Welchen Sinn der Einzelne in seinem Leben sehe und ob und aus welchen Gründen er sich vorstellen könne, sein Leben selbst zu beenden, unterliege höchst persönlichen Überzeugungen.

          Das Recht auf selbstbestimmtes Sterben umfasst demnach nicht nur das Recht, nach freiem Willen lebenserhaltende Maßnahmen abzulehnen. Es erstreckt sich auch auf die Entscheidung des Einzelnen, sein Leben eigenhändig zu beenden.

          Druck, sich aus dem Leben zu verabschieden

          Doch was bedeutet das? Gewiss, man kann sich selbst „aktiv“ das Leben nehmen. Wer sich nicht mehr regen kann, ist dagegen auf fremde Hilfe angewiesen. Das Recht, sich selbst zu töten, hat keineswegs nur der Schwerkranke, sondern jeder. Karlsruhe sieht es als letzten Ausdruck von Würde an.

          Aber darf man daraus ein Geschäft machen? Die Gefahr eines Dammbruchs ist real. Die geschäftsmäßige Beihilfe zur Selbsttötung könnte zur Normalität werden; ein Blick auf das Ausland scheint das zu bestätigen. Es kann ein Druck entstehen, sich aus dem Leben zu verabschieden.

          Und schon jetzt ist ja der nicht geschäftsmäßige assistierte Suizid straffrei sowie auch der, bei dem Angehörige helfen. Die Hilfe zur Selbsttötung darf jedenfalls nicht zum Regelfall werden. Und Selbstbestimmung darf nie zur Fremdbestimmung werden. Jetzt ist wieder der Gesetzgeber gefragt.


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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