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Ärztlich assistierter Tod : Die Sterbehilfe gerät in eine Schweigespirale

Gibt es ein Recht zu sterben? Bild: dpa

Soll es Sterbenskranken oder schwer Pflegebedürftigen gesetzlich erlaubt werden, einen früheren Tod mit Hilfe eines Arztes herbeizuführen? In einer Umfrage sprechen sich nun weit weniger Menschen als bisher für den ärztlich assistierten Suizid aus.

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          Angst vor einem langen Sterbeprozess, Angst vor starken Schmerzen oder Atemnot sowie Angst, den Angehörigen oder anderen Bezugspersonen zur Last zu fallen - das sind nach der bislang eingehendsten Befragung zum Thema Sterben die drei wichtigsten Argumente zugunsten des Wunsches, den eigenen Tod mit Hilfe eines Arztes herbeiführen zu können. Für diese Möglichkeit, den ärztlich assistierten Suizid, sprechen sich nach einer Umfrage, die das Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im April veranlasst hat, indes weit weniger Menschen aus als frühere Umfragen vermuten ließen.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Im vergangenen November hatte infratest-dimap im Auftrag des ARD-Morgenmagazins ermittelt, 37 Prozent der Deutschen befürworteten Tötung auf Verlangen durch Ärzte und 46 Prozent ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung. Für ein Verbot sogenannter Sterbehilfe seien nur zwölf Prozent. Im Januar wiederum meinten 79 Prozent der befragten Personen im Alter von mehr 18 Jahren und mehr, dass es erlaubt sein sollte, unheilbar kranke Menschen mit eng begrenzter Lebenserwartung dabei zu unterstützen, sich das Leben zu nehmen.

          Der Trend dreht sich

          In der EKD-Umfrage sagten nun 63 Prozent oder fast zwei Drittel, sie seien für die Möglichkeit eines ärztlich assistierten Suizids. Etwa ein Drittel der Befragten lehnt diese Option ausdrücklich ab - fast dreimal so viele in der Umfrage, die vor oder kurz nach dem Beginn der parlamentarischen Beratungen im vergangenen November veranstaltet wurde. Nach Tötung auf Verlangen, wie sie in den Niederlanden und Belgien erlaubt ist und in zunehmendem Maß praktiziert wird, fragte die EKD nicht. Unter den im Bundestag vertretenen Parteien ist es Konsens, dass es niemandem erlaubt werden darf, eine andere Person zu töten, auch nicht einem Arzt.

          Dabei sind die Ängste vor dem Sterben den Gegnern nicht fremd, ebensowenig die Angst, den medizinischen Möglichkeiten der Lebenserhaltung wehrlos ausgeliefert zu sein. Doch sind sie signifikant schwächer ausgeprägt. Herausgestellt hat sich außerdem, dass die Angst vor dem eigenen Sterben mit dem Alter nicht zu-, sondern abnimmt. Entsprechend groß ist unter den Älteren der Anteil derer, die die Möglichkeit des assistierten Suizids für sich und andere ablehnen. In der Altersgruppe der unter Dreißigjährigen halten sich Befürworter und Gegner des ärztlich assistierten Suizids die Waage. Deutlich in der Mehrheit sind die Befürworter dieser Möglichkeit unter den Dreißig- bis Sechzigjährigen.

          Wenig Illusionen machten sich die mehr als 2000 Befragten über die Folgen, die es hätte, wenn Ärzte Patienten am Lebensende todbringende Medikamente zur Verfügung stellen dürften. Jeweils fast zwei Drittel glaubten, dass sich mehr Menschen für einen „vorzeitigen“ Tod entschieden und vermehrt um todbringende Medikamente bäten, um niemandem mehr zur Last zu fallen. Jeweils mehr als ein Drittel der Befragten trieb die Sorge um, dass ein gesellschaftlicher Druck entstehen würde, den Tod selbst herbeizuführen. Außerdem nähme das Vertrauen in die Ärzte Schaden. Vier von zehn Befragten glaubten zudem, dass im Fall des Falles die Bemühungen nachließen, Hospize einzurichten und die Palliativversorgung zu verbessern.

          Zur Theorie der Schweigespirale in der öffentlichen Meinung

          Ändert sich das öffentliche Meinungsklima etwa wie in in der aktuellen EKD-Umfrage zur Sterbehilfe könnte dies auch eine grundsätzliche Umkehr der Mehrheitsmeinung zur Folge haben.
          Die Theorie der Schweigespirale hatte die verstorbene Leiterin des Allensbach-Instituts, Elisabeth Noelle-Neumann in ihrem Buch „Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung - unsere soziale Haut“ (1989) beschrieben. Diese Theorie geht davon aus, dass die Menschen, die eine von der öffentlichen Meinung abweichende Meinung vertreten, von ihren Mitmenschen mit Isolation bedroht werden. Aus Angst, sich gesellschaftlich zu isolieren, schweigen sie eher, als eine Meinung zu vertreten, von der sie annehmen, es handle sich um eine Minderheitsmeinung.

          Jede Person nimmt die Meinung von anderen Personen direkt durch andere oder durch die Medien wahr. Öffentliche Meinung, das sind Meinungen, Verhaltensweisen, die man in der Öffentlichkeit äußern oder zeigen muss, wenn man sich nicht isolieren will; in kontroversen, im Wandel begriffenen Bereichen oder in neu entstandenen Spannungszonen in der Öffentlichkeit äußern kann, ohne Gefahr, sich zu isolieren. 

          Bei den Schätzungen der Menschen, welche Meinung gerade am stärksten vertreten wird, kann es dazu kommen, dass die Bevölkerung sich über ihre soziale Umwelt täuscht. Dies wird von Noelle- Neumann als pluralistische Ignoranz bezeichnet. (Noelle- Neumann, 1989, S. 316)

          „Die Mehrheit täuscht sich über die Mehrheit. Wenn eine bestimmte Einstellung in einer moralisch geladenen Streitfrage fälschlich für eine Minderheiteneinstellung gehalten wird, mit der man sich isoliert, und demoskopische Ergebnisse zeigen, dass es tatsächlich eine weit verbreitete Einstellung (oder Verhaltensweise) ist, dann hat das Einfluss, die Bereitschaft zum öffentlichen Bekenntnis wächst, und damit kommt eine Anstoßwirkung in Gang.“ (Noelle-Neumann, 1989, S.380)
           

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