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Sterbehilfe : Nicht ob, sondern wie

Ein 83 Jahre alter Mann will zumindest die Möglichkeit für Suizid haben. Bild: dpa

Die Politik sucht nach Wegen durch ein Spannungsfeld: Ein Recht auf Suizid soll es geben, nur wie? Die Nationalakademie spricht sich nun ausdrücklich gegen kommerzielle Angebote aus.

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          Die Nationalakademie Leopoldina hat sich für ein Verbot der kommerziellen Suizidassistenz sowie für ein Werbeverbot für Suizidassistenz ausgesprochen. In einem am Donnerstag veröffentlichten Positionspapier zum assistierten Suizid verweist sie auf das grundgesetzlich gesicherte Recht des Einzelnen, sein Leben zu beenden. „Notwendig zu diskutieren ist nicht, ob, sondern wie dieses Recht zukünftig wahrgenommen werden kann“, heißt es darin. Beim assistierten Suizid handelt es sich um Beihilfe zur Selbsttötung, bei der beispielsweise Ärzte ein todbringendes Mittel zur Verfügung stellen.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Davon zu unterscheiden ist die aktive Sterbehilfe. Sie bezeichnet eine Tötung auf Verlangen, die von einem anderen, nicht vom Sterbewilligen selbst, ausgeführt wird. Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland gesetzlich verboten. Bei der passiven Sterbehilfe, auch Sterbenlassen genannt, wird eine lebensverlängernde Maßnahme unterlassen oder gar nicht erst eingeleitet.

          Die Suche nach einem ausbalancierten System

          Mehrere europäische Länder haben in den vergangenen Jahren Regelungen zum assistierten Suizid erlassen. Auch in Deutschland steht der Gesetzgeber seit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vor der Aufgabe, hier eine Neuregelung zu finden. Das Gericht hatte im Februar 2020 festgestellt, dass das im Grundgesetz verankerte allgemeine Persönlichkeitsrecht auch ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben umfasst, welches auch die Freiheit einschließt, dabei die Hilfe Dritter in Anspruch zu nehmen.

          Die anstehende Neuregelung berühre theologische, philosophische, ethische, medizinische und politische Fragen und bedürfe einer offenen gesamtgesellschaftlichen Debatte, heißt es. Die Leopoldina-Mitglieder aus Medizin, Ethik, Medizingeschichte und Rechtswissenschaft weisen auf ein im Grundsatz nicht aufzulösendes Spannungsfeld hin. Es gelte, die Selbstbestimmtheit jedes Menschen und die damit verbundene Entscheidungsfreiheit zu achten.

          Dem gegenüber stehe das Wissen, dass der Wunsch, das eigene Leben zu beenden, von einer Vielzahl unterschiedlicher Faktoren abhängig sei, die noch veränderbar sein können. Um mit diesem Spannungsverhältnis angemessen umgehen zu können, brauche es ein ausbalanciertes System. So müsse sicher sein, dass es sich tatsächlich um eine autonome Entscheidung des Einzelnen handele. Die „Bewertung der Freiverantwortlichkeit und Durchführung der Suizidassistenz sind personell und organisatorisch zu trennen“, dazu seien auch mindestens zwei Ärzte zu beteiligen und alle Schritte zu dokumentieren.

          Patientenschützer pochen auf Selbstbestimmung der Suizidwilligen

          Um Betroffenen eine Hinwendung zum Leben zu erleichtern, seien niederschwellige Beratungs- und Hilfsangebote für Menschen in psychischen Krisen nötig, eine flächendeckend hochwertige palliativmedizinische und hospizliche Versorgung sowie ein auf interdisziplinärer Expertise aufbauendes Informations-, Beratungs- und Begleitungsnetzwerk. Denn es sei Aufgabe einer sorgenden Gemeinschaft, Menschen am Ende ihres Lebens, bei Krankheit und Leid nicht alleinzulassen. Auch die Aufklärung in der Bevölkerung über bestehende Hilfs- und Unterstützungsangebote gerade in psychischen Krisen müsste verbessert werden.

          Nicht immer bleibt ein Suizidwunsch beständig, er kann auch aufgegeben werden, wenn die Lebensumstände der Betroffenen sich ändern. Mit heftiger Kritik hat die Deutsche Stiftung Patientenschutz reagiert. Sie bezieht sich auf die Forderung der Leopoldina, die Musterberufsordnung für Ärzte anzupassen. Das ist jedoch schon Anfang Mai geschehen. Außerdem blieben die Autoren bei den Schutzkonzepten zu wenig konkret. Es seien längst nicht für jeden Suizidwillingen psychische, pflegerische und medizinische Hilfsangebote verfügbar. „Vor diesem Hintergrund bleibt die Beurteilung einer freiverantwortlichen Entscheidung reine Theorie.“ Es gelte deshalb, rechtliche Maßstäbe dafür zu setzen, dass die Selbstbestimmung des Suizidwilligen gewahrt bleibe.

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