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Sterbehilfe im Bundestag : Ein unmoralisches Angebot

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Tödlicher Cocktail: In praktischen Kits werden die zur Sterbehilfe benötigten Medikamente in Belgien für die dafür zugelassenen Ärzte angeboten (Foto aus dem Jahr 2005, Archiv). Bild: dpa

Die Befürworter ärztlicher Suizidhilfe sind selten um Argumente verlegen. Doch was taugen sie? Oft erweist sich genau das Gegenteil dessen als richtig, was auf den ersten Blick keinen Widerspruch duldet.

          Die Debatte um die Suizidhilfe durch Ärzte ist nicht frei von rhetorischen Beschwörungen und einseitiger Wahrnehmung empirischer Befunde, was die Behandlung von Patienten am Lebensende betrifft. Nicht selten werden medizinische Handlungen mit normativ zweideutigen Begriffen bezeichnet, die Ärztinnen und Ärzten eine Tötungsabsicht unterstellen – wobei offenbleibt, ob diese Zweideutigkeit aus Unkenntnis oder in strategischer Absicht in Anschlag gebracht wird.

          Im Wesentlichen geht es um die Begriffe „passive“ und „indirekte“ Sterbehilfe. Internationale Fachgesellschaften, die europäische Vereinigung der Palliativmediziner, die verfasste Ärzteschaft in Deutschland, der Deutsche Ethikrat und viele andere professionelle Organisationen und Vereinigungen werben seit mehr als zwei Jahrzehnten dafür, beide Begriffe nicht mehr zu verwenden. Begründung: Die Bezeichnungen treffen nicht, was sie zu meinen vorgeben. Mehr noch, erst ihr Gebrauch erzeugt das vermeintlich moralische Dilemma, das dann die Liberalisierung von Handlungen rechtfertigen soll, die den Tod befördern.

          Für ein Verbot assitstierter Suizide: der Palliativmediziner und Chefarzt am Offenbacher Ketteler-Krankenhaus, Stephan Sahm

          Die Medizin ist dem Erhalt des Lebens und der Linderung von Leiden gleichermaßen verpflichtet. Daraus folgt nicht, dass die Pflicht zur Lebensverlängerung grenzenlos sei. Diese Pflicht stößt an eine Grenze, sobald sich herausstellt, dass eine gegen eine Krankheit gerichtete Behandlung wirkungslos oder mit unzumutbaren Belastungen verbunden wäre. Eine weitere Grenze tut sich auf, wenn Patienten die angebotene Therapie ablehnen. Sind der Erhalt des Lebens und die Lebensverlängerung keine Ziele mehr, dann tritt an deren Stelle die ausschließliche Linderung von Beschwerden. Die Pflicht, Symptome zu behandeln, besteht immer. Doch jetzt ändert sich das Ziel der Therapie hin zur alleinigen palliativen Behandlung. Die Änderung des Therapieziels kennzeichnet in der Praxis eine Grenzsituation. Doch diese kommt so häufig vor, dass sie mittlerweile zur Routine medizinischen Alltags gehört.

          Sterben lassen ist kein Töten

          Es ist irreführend, die Änderung des Therapieziels als passive Sterbehilfe zu bezeichnen. Sie ist mit aktivem Tun verknüpft, etwa wenn eine laufende Therapie beendet oder auch nur die Anweisung dazu gegeben wird. Außerdem suggeriert die Formulierung „passive“ Sterbehilfe als im Gegensatz zu der gesetzlich klar verbotenen „aktiven“ Sterbehilfe, es gebe eine Gleichsetzung von aktiv = verboten/passiv = erlaubt. Da immer gehandelt wird, führt dies zur Irritation.

          Verfechter von ärztlicher Suizidhilfe wie auch der aktiven Tötungshandlung, der aktiven Sterbehilfe, behaupten, wer die Therapie hin zur alleinigen Leidensminderung ändere, der strebe den Tod des Patienten an, denn er handele aktiv, wo doch nur passive Sterbehilfe erlaubt sei. Doch hängt die Bewertung einer Handlung niemals allein von ihrem Modus (aktiv/passiv) ab. Warum ausgerechnet bei der Beschreibung ärztlicher Handlungen am Lebensende? Änderung des Therapieziels – das trifft genau, was Ärzte tun. Die Einsicht, dass eine Behandlung nicht mehr sinnvoll ist, wie auch die Pflicht, den Willen des Betroffenen zu respektieren, sind nicht mit der Absicht gleichzusetzen, den Tod des Patienten herbeiführen zu wollen. Sterben lassen ist kein Töten.

          Ähnlich verhält es sich mit der sogenannten indirekten Sterbehilfe. Ärzten und Pflegenden wird mit diesem Begriff unterstellt, dass sie bei der Schmerztherapie nicht selten den Tod der Betroffenen herbeiführten. Die Herbeiführung des Todes, so die Behauptung, sei notwendiger Bestandteil der Palliativmedizin, wenn diese zur Schmerzfreiheit führen wolle.

          Risiko tödlicher Folgen besteht immer

          Mit Blick auf die medizinischen Tatsachen ist diese Behauptung falsch. In ethischer Hinsicht ist sie irreführend. Kunstgerecht durchgeführte Schmerztherapie verlängert Leben, wie die wissenschaftliche Palliativmedizin weiß. Selbst die häufig als Grenzfall bezeichnete „therapeutische Sedierung“ verkürzt die Lebensspanne nicht.

          In ethischer Hinsicht gilt es zu beachten, dass alle medizinischen Maßnahmen mit der Gefahr einhergehen, dass Personen Schaden nehmen, manchmal auch an den Folgen selbst kunstgerechter Behandlung versterben. Doch ist dies bei Routineeingriffen wie Operationen der Gallenblase, der Entfernung des Blinddarmes, Eingriffen an der Bauchspeicheldrüse oder der Gabe von Medikamenten gegen Herzrhythmusstörungen weit häufiger der Fall als bei der Schmerztherapie in palliativer Absicht.

          Palliativmedizinische Behandlung ist auf die Behandlung von Symptomen ausgerichtet. An diesem Ziel orientiert sich die Auswahl der Mittel. Wie bei jeder medizinischen Maßnahme ist niemals auszuschließen, dass es zu Nebenwirkungen kommt, auch mit Todesfolge. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Palliativmedizin nicht von sonstigen medizinischen Maßnahmen. Nur ist mit tödlichen Komplikationen in weit weniger Fällen zu rechnen als bei anderen medizinischen Eingriffen. Es gibt mithin keinen Grund, der Palliativmedizin die Intention zu unterstellen, sie wolle Leben beenden. Das führte zur absurden Konsequenz, alle medizinischen Handlungen mit beabsichtigten Akten der Lebensbeendigung, der Suizidhilfe und der aktiven Sterbehilfe, normativ gleichzustellen, weil sie ohne Ausnahme mit dem Risiko tödlicher Folgen behaftet sind.

          Für die ethische Beurteilung palliativmedizinischen Vorgehens entscheidend sind zwei Elemente: die Intention und die kunstgerechte Durchführung. Palliativmedizin will Symptome behandeln, sie strebt nicht den Tod des Patienten an. Dass an diese Tatsache überhaupt erinnert werden muss, ist ein Beispiel für die eingangs getroffene Feststellung, wie sehr die Diskussion um die Suizidhilfe von rhetorischen Beschwörungen verzerrt wird.

          Freiheit zum Tode, Präferenz für das Leben

          Was spricht nun gegen den ärztlich assistierten Suizid? Der Suizid ist eine Handlung, die sich in einer säkularen Welt der Bewertung entzieht. In einer freien Gesellschaft werden Suizidhandlungen nicht bestraft. Anderes wäre unangemessen und widerspräche im Falle des freien, nicht durch psychologische Umstände oder Krankheit (meist psychiatrische Leiden) bedingten Bilanzsuizids dem Respekt vor der Selbstbestimmung der Person. Die Freiheit zum Tode wird ungeachtet der Bewertung in religiösen Bekenntnissen oder säkularen Ethiken von der Verfassung geschützt.

          Daraus folgt aber nicht, dass der Suizid eine Handlung wäre, die es zu befördern oder gar seitens des Staates oder der Gesellschaft gutzuheißen gälte. Die Enthaltung im Urteil ist nur dann gerechtfertigt, wenn der Suizid in Freiheit ausgeführt wird, frei von äußeren und inneren Bedrängnissen oder zustimmender Ermunterung.

          Es ist die Grundlage eines jeden Gemeinwesens, jeglicher staatlicher Gemeinschaft und letztlich der durch unverbrüchliche Rechte verbundenen Menschheitsfamilie, dass die Existenz eines jeden Mitgliedes der Gemeinschaft seiner Nichtexistenz vorzuziehen ist. Diese Regel gilt ausnahmslos. Grundlage der Menschenrechte ist eine Präferenz für das Leben. Was abstrakt anmutet, ist auch der Alltagsintuition zugänglich. Daher sind Handlungen, die auf die Unterstützung eines Suizids gerichtet sind, verwerflich und ein unmoralisches Angebot. Das gilt insbesondere, wenn sie geschäftsmäßig und auf Wiederholung gerichtet erfolgen.

          Noch mehr gilt das aus Sicht der ärztlichen Ethik. Es gehört zu den ärztlichen Pflichten, Leiden zu lindern, Krankheiten zu verhindern und zu heilen und Leben zu erhalten. Die Pflichten gelten gegenüber allen Patienten, ohne Ansehen der Person, gleich welcher Rasse oder Religion, unabhängig vom Versicherungsstatus und von der Schwere der Erkrankung. Daraus ergibt sich, dass die Hilfe beim Suizid keine ärztliche Aufgabe sein kann. Denn sie suggeriert als Angebot, das mit ärztlicher Autorität ausgestattet ist, soziale Akzeptanz, wo Enthaltung eines moralischen Urteils angezeigt ist.

          Mehrheit der Ärzte lehnt Suizidassistenz ab

          Diese Überzeugung und die entsprechende Zurückweisung der Suizidassistenz als mit ärztlicher Ethik nicht vereinbar hat die deutsche Ärzteschaft mehrfach durch ihre gewählten Vertreter bestätigt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass eine Minderheit der Ärztekammern dieses Verbot nicht in gleich unmissverständlicher Weise in ihre Landesordnungen übernommen hat. Als Bekundung eines ethischen Urteils ist die Ablehnung der Assistenz beim Suizid durch eine Mehrheit der gewählten Vertreter der Ärzte beachtlich.

          Ungeachtet dieser Überzeugung ist es notwendig, die medizinische Praxis mit Blick auf den Umgang mit Suizidwünschen und insbesondere auf die Behandlung von Patienten am Lebensende einer Prüfung zu unterziehen. Denn es wird behauptet, der Respekt vor der Selbstbestimmung und die Besonderheiten einiger Grenzfälle, etwa bei der Betreuung von Patienten in der letzten Krankheitsphase, machten es notwendig, vom Verbot ärztlicher Suizidassistenz abzusehen. So bieten einige Organisationen Hilfe zum Suizid unabhängig davon an, ob bei Suizidwilligen der nahe Tod aufgrund einer Erkrankung zu erwarten ist. Sie begründen ihr Tun unter Verweis auf das Recht zur selbstbestimmten Lebensführung, das auch das Recht auf einen selbstbestimmten Tod umfasse.

          100.000 Suizidhandlungen im Jahr

          Dieser Verweis vermag die Assistenz beim Suizid nicht zu rechtfertigen. Denn insbesondere geschäftsmäßige Angebote (also auch solche als Teil medizinischer Dienstleistung) suggerieren eine soziale Akzeptanz und Ermunterung zum Suizid. Beides verstößt gegen die fundamentalen Regeln der sozialen Gemeinschaft. Das Angebot selbst macht die Handlung unfrei, denn sie signalisiert ein Gutheißen. Daher ist das gelegentlich anzutreffende Pathos, mit dem ein Recht auf Unterstützung beim Suizid eingefordert wird, fehl am Platz. Es verhält sich genau umgekehrt. Der Schutz vor den Gefahren des Angebots der Suizidhilfe sichert Freiheit und Selbstbestimmung.

          Das belegen zudem die Erkenntnisse der Suizidforschung. Das Angebot der Hilfe beim Suizid gefährdet empfängliche Personen. Suizidale Personen erleben fast ausnahmslos Phasen dramatischer Ambivalenz, bevor eine Suizidhandlung ausgeführt wird. In jedem Jahr begehen etwa hunderttausend Personen in unserem Land eine Suizidhandlung, zehntausend versterben an den Folgen. Von den übrigen neunzigtausend wiederholt die überwältigende Mehrzahl die Handlung nicht, distanziert sich mithin vom Suizid. Hätte man diesen beim Suizid assistieren sollen? Es ist ein Akt der Gefahrenabwehr, Suizidassistenz zu verbieten, wenn sie geschäftsmäßig und auf Wiederholung ausgerichtet erfolgt.

          Suizid steckt an

          Ein weiterer Befund wird gerne übersehen. Suizidhandlungen verführen zur Imitation, sie sind gleichsam infektiös. Menschen in psychischen Belastungssituationen und Krisen neigen zur Nachahmung. Das weiß man seit der Veröffentlichung von Goethes „Leiden des jungen Werthers“. Nach der Lektüre häuften sich Selbsttötungen junger Männer. Das in der Suizidforschung als „Werther-Effekt“ bekannte Phänomen war etwa statistisch nachweisbar, nachdem Millionen Zuschauer die Trauerfeier für den durch Selbsttötung aus dem Leben geschiedenen Torwart Robert Enke am Fernsehschirm verfolgt hatten. Die Zahl der Suizide und Suizidhandlungen stieg. Ebenso beobachteten Wissenschaftler eine Zunahme der Selbsttötungen, nachdem ein Fernsehfilm über den Suizid eines Schülers in zeitlichem Abstand in verschiedenen Bundesstaaten der Vereinigten Staaten gezeigt worden war. Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention lehnt die Assistenz beim Suizid daher ab.

          Manchmal heißt es, Suizidhilfe sollte nicht generell zugelassen sein, jedoch in solchen Situationen, in denen Patienten an einer weit fortgeschrittenen und tödlichen Erkrankung leiden. Wiederum verweisen die Befürworter auf das Recht auf Selbstbestimmung. Doch muss nach ihrer Ansicht etwas hinzukommen: die Feststellung eines nicht zumutbaren Leidens.

          Diese Argumentation verdeckt unter dem Mantel des Mitleids eine Paradoxie. Es ist widersprüchlich, die Hilfe bei der Selbsttötung als Ausdruck der Förderung der Selbstbestimmung zu apostrophieren, sie gleichzeitig aber an medizinische Zustände wie eine terminale Erkrankung zu binden, deren Symptome zudem noch von Ärzten als unerträglich bescheinigt werden sollen. Eine genehmigungspflichtige Entscheidungsfähigkeit ist keine Selbstbestimmung. Es liegt daher in der Logik solcher Regelungen, dass die oft behauptete Begrenzung auf wenige Fälle nicht durchzuhalten ist.

          Suizidbeihilfe: Dammbruch in den Niederlanden

          In den Niederlanden etwa hat die Vereinigung für freiwilliges Lebensende die Stiftung Levenseindekliniek (Lebensendklinik) gegründet. Sie soll all denen Suizid- und Sterbehilfe anbieten, die mit ihrem Arzt über Kreuz liegen, weil der das Leiden nicht für unerträglich hält. Diese Entwicklung bestätigt, was man als logischen Dammbruch bezeichnen kann. Die Bindung des Selbstbestimmungsrechtes (als Rechtfertigung für die Suizidhilfe) an die Feststellung eines Leidenszustandes zieht mit unausweichlicher Logik die Ausweitung der Praxis nach sich, denn der Vorrang der Selbstbestimmung hebt die logisch zwingenden Begrenzungen auf.

          Daher erweist sich die Idee als ein Feigenblatt, man könne Suizidhilfe auf wenige Fälle von Schwerstkranken beschränken. Das zeigt der Entwurf eines Gesetzes zur Liberalisierung ärztlicher Suizidhilfe, der von einer Gruppe von Abgeordneten um Peter Hintze vorgelegt wurde. Vorgeblich ist vorgesehen, dass ärztliche Suizidassistenz nur dann angeboten werden dürfe, wenn die Patienten an Beschwerden litten, die selbst mit den Mitteln der modernen Palliativmedizin nicht zu lindern seien. Im Text des Entwurfes steht etwas anderes. Darin heißt es, ärztliche Suizidassistenz solle zulässig sein bei Patienten, „deren unheilbare Krankheit zum Tode führt“.

          Mehr als neunzig Prozent der Menschen in der westlichen Welt sterben im Gefolge chronischer Krankheiten. Diese sind tödlich und irreversibel. Dank der modernen Medizin können viele Menschen mit unheilbaren, zum Tode führenden Krankheiten für lange Zeit ein aktives Leben führen. Man kann sie im Kino und im Fußballstadion antreffen, manche treiben Sport. Diese Personen haben meist nach der Stellung der Diagnose eine Phase tiefer Depression erlebt. Sollen Ärzte ihnen in dieser Phase etwa Suizidassistenz anbieten?

          Unkenntnis der Palliativmedizin

          In der Ansicht, die Feststellung eines Leidenszustandes könne die Assistenz beim Suizid rechtfertigen, schlägt sich zudem eine mit Geringschätzung einhergehende Unkenntnis der Palliativmedizin nieder. Symptomatische Behandlung kann sie immer anbieten, und sei es in Form der therapeutischen Sedierung. Ausweislich aller einschlägigen Untersuchungen sind es nicht das Vorhandensein oder die Angst vor körperlichen Beschwerden, die Personen veranlassen, Hilfe beim Suizid zu erbitten. Es sind vielmehr soziale Deprivation und Angst vor Autonomieverlust. Das erklärt umgekehrt, warum die Zusage palliativer Betreuung und die Versicherung, die vom Patienten gesetzten Grenzen der Behandlung zu achten, den Suizidwunsch nahezu ausnahmslos verschwinden lassen: Wenn nicht mehr durch Krankheit bedingte Symptome der Grund sind, einen Suizidwunsch für beachtlich zu halten, dann erweist sich die von Befürwortern ärztlicher Suizidassistenz vielfach geforderte Beschränkung auf Situationen terminaler Erkrankung nur als Vorwand und als rhetorische Beschwichtigung.

          Gelegentlich wird behauptet, wenn es Ärzten freigestellt wäre, Assistenz beim Suizid anzubieten, würde der Wunsch der Patienten gleichsam von selbst verstummen. Das Wissen um die Möglichkeit eines letzten Ausganges sei ein Akt der Suizidprävention und geeignet, das Vertrauen von Patienten zu ihren Ärzten zu stärken. Als Beleg für diese Behauptung wird angeführt, dass etwa im amerikanischen Bundesstaat Oregon nicht alle Patienten, denen ein tödliches Medikament verschrieben wird, dies auch einnehmen. Das wundert jedoch nicht. Denn die schon erwähnte, empirisch belegte Ambivalenz in der suizidsensiblen Phase lässt viele Suizidwillige von ihrem Wunsch Abstand nehmen.

          Zahl der assistierten Suizide steigt immer weiter

          Aus der Tatsache des Rücktritts einiger Patienten vom Suizid kann nicht auf einen schützenden Effekt des Angebots der Suizidhilfe geschlossen werden. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Andere Patienten werden in einer sensiblen Phase der Gefahr der Suizidimitation ausgesetzt. Empirische Beobachtungen aus den Ländern, in denen Unterstützung beim Suizid angeboten wird, zeigen denn auch, dass die Zahl der vollzogenen assistierten Suizide stetig zunimmt. Diese Entwicklung ist auch in Oregon zu beobachten, dem von vielen als Vorbild für eine Regelung des ärztlich assistierten Suizids angeführten amerikanischen Bundesstaat, aber auch in den Niederlanden und in der Schweiz, zwei europäischen Ländern, in denen Suizidassistenz durch Organisationen oder Ärzte möglich ist.

          Ein Weiteres kommt hinzu: Die Behauptung, ärztliche Suizidassistenz habe einen präventiven Effekt, wird durch die Erfahrungen in Oregon geradezu widerlegt. Der Bundesstaat hat eine der weltweit höchsten Suizidraten, sie liegt um fünfzig Prozent höher als in Deutschland. Zudem belegen Untersuchungen, dass Patienten mit depressiver Störung in Oregon entgegen den Vorschriften nicht mit hinreichender Sicherheit diagnostiziert werden. Für sie wie alle Patienten in suizidalen Phasen kommt das gesellschaftliche Angebot, das Fluidum der Suizidhilfe einer unmittelbaren Gefährdung ihres Lebens gleich. Das Vertrauen der Patienten in die Palliativmedizin hängt nicht von dem Angebot ab, Assistenz beim Suizid gewähren. Es ist umgekehrt. Die kunstgerechte palliative Betreuung schafft Vertrauen und bringt vorhandene Suizidwünsche zum Verstummen.

          Patienten folgen dem Rat ihrer Ärzte

          An dieser Stelle muss auf einen weiteren, oftmals übersehenen Aspekt aufmerksam gemacht werden. Das Verhältnis von Ärztinnen und Ärzten zu ihren Patienten ist durch eine erhebliche Asymmetrie gekennzeichnet. So folgen Patienten meist den Ratschlägen ihrer Ärzte. Der ärgste Feind der Selbstbestimmung ist die Krankheit, schrieb der amerikanische Bioethiker Eric Cassel. Daher rührt das Bedürfnis, die Entscheidung zur Selbsttötung von ärztlicher Zustimmung abhängig zu machen, sie gleichsam mit einer ärztlichen Indikation zu versehen. Ärzte sollen befinden, dass ein Zustand unerträglich sei, die Selbsttötung mithin einsichtig und verstehbar. Das aber widerspricht dem ärztlichen Ethos, denn es gibt keine Kriterien, die diesen Schluss zu ziehen erlaubten.

          Das Ansinnen, beurteilen zu sollen, ob das Verlangen eines Patienten nach Hilfe bei der Selbsttötung einsichtig und verständlich sei, die Selbsttötung also genehmigen zu sollen, ist eine Zumutung. Das mit ärztlicher Autorität gefällte Urteil ist zudem ein Faktor, der die Entscheidung unfrei macht. Die Rolle, die den Ärzten zugedacht werden soll, erhebt sie von den sprichwörtlichen Halbgöttern zu „Ganzgöttern“ in Weiß.

          Schließlich führen Befürworter der ärztlichen Suizidhilfe an, Ärzten solle es freigestellt sein, einem Patienten, den sie womöglich über viele Jahre betreut haben, einen letzten (Freundschafts-)Dienst zu erweisen, wenn er Hilfe beim Suizid wünscht. Dieses Szenario ist die klassische Situation künstlerischer und literarischer Verarbeitungen einer Thematik. Sie entfaltet dramatisches Potential, ist aber irreführend im Blick auf die Praxis der Medizin. Zudem macht sie blind für eine damit verbundene Überschreitung der Intimität, die gegen die ärztliche Ethik verstößt.

          Asymmetrische Beziehung zwischen Arzt und Patient

          Was gemeint ist, wird einsichtig im Blick auf andere, allgemein akzeptierte Verbote, Intimität zu überschreiten. So ist das in professionellen Richtlinien und Aussagen der Ärzteschaft festgeschriebene Verbot unbestritten, mit eigenen Patienten sexuelle Beziehungen zu unterhalten. Es wird begründet mit der Asymmetrie der Arzt-Patienten-Beziehung, der damit einhergehenden Gefahr verdeckter Abhängigkeiten und dem Risiko des Missbrauchs der Rolle ärztlicher Autorität. Dieses Verbot gilt unbedingt und ungeachtet einer möglichen Zustimmung der Patienten. Es ist aber absurd, mit Zustimmung erfolgende sexuelle Handlungen an Patienten für nicht mit der ärztlichen Ethik vereinbar zu halten, doch die Hilfe bei der Tötung als Freundschaftsdienst zu deuten. Die Beachtung von Intimitätsgrenzen gehört zur professionellen Identität der Ärzte.

          Für die Medizin ergibt sich noch ein weiterer Gesichtspunkt. Ethisches Verhalten und Vertrauen, das lehren Soziologie und Rechtswissenschaft, bedürfen neben der ethischen Kompetenz der Handelnden starker institutioneller Absicherungen. Patienten müssen darauf vertrauen dürfen, dass Ärzte nicht darüber nachdenken, ob es besser wäre, er oder sie wären nicht am Leben. Dies aber wird Ärzten abverlangt, sollten sie über die Angemessenheit eines Suizidwunsches urteilen dürfen, wie es viele Befürworter der Suizidhilfe vorschlagen.

          Verbot als Akt der Gefahrenabwehr

          Alle Einwände, die hier gegen die ärztliche Suizidhilfe vorgetragen wurden, müssen vor dem Hintergrund einer medizinischen Praxis gesehen werden, die ihre Grenzen kennt und den Willen der Patienten achtet. Immer mehr Krankheiten können mit den Mitteln der modernen Medizin in chronische Leiden verwandelt werden. Patienten überleben Zustände, in denen Organe versagen, weil die Medizin sie zu ersetzen vermag. Dies führt zum Unbehagen und zur Angst, bei fortgeschrittener Krankheit und aussichtsloser Lage ungebührlichem Leiden ausgesetzt zu sein. Die Medizin kann im Sinne einer Kultur der Begrenzung noch viel lernen. Und sie muss sich stets bemühen, diese Kultur in eine Praxis zu verwandeln.

          Doch ist es falsch, der Medizin zu unterstellen, sie kenne und bedenke diese Grenzen nicht. Eine Fülle empirischer Untersuchungen belegt, dass in der überwältigenden Mehrzahl aller Sterbefälle in Kliniken eine Entscheidung vorausgegangen ist, eine Therapie zu begrenzen. Die eingangs erläuterte Therapiezieländerung ist längst klinische Routine. Gleichzeitig hat sich das Spektrum palliativmedizinischer Behandlung erweitert. Es gibt mithin keinen Grund, der Suizidassistenz in geschäftsmäßiger Weise oder als Teil ärztlicher Betreuung zu rechtfertigen vermag. Es steht einer freien Gesellschaft, die Leben und Integrität ihrer Mitglieder hochachtet, gut an, sie als Akt der Gefahrenabwehr zu untersagen.

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