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Sterbehilfe im Bundestag : Ein unmoralisches Angebot

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Tödlicher Cocktail: In praktischen Kits werden die zur Sterbehilfe benötigten Medikamente in Belgien für die dafür zugelassenen Ärzte angeboten (Foto aus dem Jahr 2005, Archiv). Bild: dpa

Die Befürworter ärztlicher Suizidhilfe sind selten um Argumente verlegen. Doch was taugen sie? Oft erweist sich genau das Gegenteil dessen als richtig, was auf den ersten Blick keinen Widerspruch duldet.

          Die Debatte um die Suizidhilfe durch Ärzte ist nicht frei von rhetorischen Beschwörungen und einseitiger Wahrnehmung empirischer Befunde, was die Behandlung von Patienten am Lebensende betrifft. Nicht selten werden medizinische Handlungen mit normativ zweideutigen Begriffen bezeichnet, die Ärztinnen und Ärzten eine Tötungsabsicht unterstellen – wobei offenbleibt, ob diese Zweideutigkeit aus Unkenntnis oder in strategischer Absicht in Anschlag gebracht wird.

          Im Wesentlichen geht es um die Begriffe „passive“ und „indirekte“ Sterbehilfe. Internationale Fachgesellschaften, die europäische Vereinigung der Palliativmediziner, die verfasste Ärzteschaft in Deutschland, der Deutsche Ethikrat und viele andere professionelle Organisationen und Vereinigungen werben seit mehr als zwei Jahrzehnten dafür, beide Begriffe nicht mehr zu verwenden. Begründung: Die Bezeichnungen treffen nicht, was sie zu meinen vorgeben. Mehr noch, erst ihr Gebrauch erzeugt das vermeintlich moralische Dilemma, das dann die Liberalisierung von Handlungen rechtfertigen soll, die den Tod befördern.

          Für ein Verbot assitstierter Suizide: der Palliativmediziner und Chefarzt am Offenbacher Ketteler-Krankenhaus, Stephan Sahm

          Die Medizin ist dem Erhalt des Lebens und der Linderung von Leiden gleichermaßen verpflichtet. Daraus folgt nicht, dass die Pflicht zur Lebensverlängerung grenzenlos sei. Diese Pflicht stößt an eine Grenze, sobald sich herausstellt, dass eine gegen eine Krankheit gerichtete Behandlung wirkungslos oder mit unzumutbaren Belastungen verbunden wäre. Eine weitere Grenze tut sich auf, wenn Patienten die angebotene Therapie ablehnen. Sind der Erhalt des Lebens und die Lebensverlängerung keine Ziele mehr, dann tritt an deren Stelle die ausschließliche Linderung von Beschwerden. Die Pflicht, Symptome zu behandeln, besteht immer. Doch jetzt ändert sich das Ziel der Therapie hin zur alleinigen palliativen Behandlung. Die Änderung des Therapieziels kennzeichnet in der Praxis eine Grenzsituation. Doch diese kommt so häufig vor, dass sie mittlerweile zur Routine medizinischen Alltags gehört.

          Sterben lassen ist kein Töten

          Es ist irreführend, die Änderung des Therapieziels als passive Sterbehilfe zu bezeichnen. Sie ist mit aktivem Tun verknüpft, etwa wenn eine laufende Therapie beendet oder auch nur die Anweisung dazu gegeben wird. Außerdem suggeriert die Formulierung „passive“ Sterbehilfe als im Gegensatz zu der gesetzlich klar verbotenen „aktiven“ Sterbehilfe, es gebe eine Gleichsetzung von aktiv = verboten/passiv = erlaubt. Da immer gehandelt wird, führt dies zur Irritation.

          Verfechter von ärztlicher Suizidhilfe wie auch der aktiven Tötungshandlung, der aktiven Sterbehilfe, behaupten, wer die Therapie hin zur alleinigen Leidensminderung ändere, der strebe den Tod des Patienten an, denn er handele aktiv, wo doch nur passive Sterbehilfe erlaubt sei. Doch hängt die Bewertung einer Handlung niemals allein von ihrem Modus (aktiv/passiv) ab. Warum ausgerechnet bei der Beschreibung ärztlicher Handlungen am Lebensende? Änderung des Therapieziels – das trifft genau, was Ärzte tun. Die Einsicht, dass eine Behandlung nicht mehr sinnvoll ist, wie auch die Pflicht, den Willen des Betroffenen zu respektieren, sind nicht mit der Absicht gleichzusetzen, den Tod des Patienten herbeiführen zu wollen. Sterben lassen ist kein Töten.

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