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Sterbehilfe im Bundestag : Ein unmoralisches Angebot

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Das Ansinnen, beurteilen zu sollen, ob das Verlangen eines Patienten nach Hilfe bei der Selbsttötung einsichtig und verständlich sei, die Selbsttötung also genehmigen zu sollen, ist eine Zumutung. Das mit ärztlicher Autorität gefällte Urteil ist zudem ein Faktor, der die Entscheidung unfrei macht. Die Rolle, die den Ärzten zugedacht werden soll, erhebt sie von den sprichwörtlichen Halbgöttern zu „Ganzgöttern“ in Weiß.

Schließlich führen Befürworter der ärztlichen Suizidhilfe an, Ärzten solle es freigestellt sein, einem Patienten, den sie womöglich über viele Jahre betreut haben, einen letzten (Freundschafts-)Dienst zu erweisen, wenn er Hilfe beim Suizid wünscht. Dieses Szenario ist die klassische Situation künstlerischer und literarischer Verarbeitungen einer Thematik. Sie entfaltet dramatisches Potential, ist aber irreführend im Blick auf die Praxis der Medizin. Zudem macht sie blind für eine damit verbundene Überschreitung der Intimität, die gegen die ärztliche Ethik verstößt.

Asymmetrische Beziehung zwischen Arzt und Patient

Was gemeint ist, wird einsichtig im Blick auf andere, allgemein akzeptierte Verbote, Intimität zu überschreiten. So ist das in professionellen Richtlinien und Aussagen der Ärzteschaft festgeschriebene Verbot unbestritten, mit eigenen Patienten sexuelle Beziehungen zu unterhalten. Es wird begründet mit der Asymmetrie der Arzt-Patienten-Beziehung, der damit einhergehenden Gefahr verdeckter Abhängigkeiten und dem Risiko des Missbrauchs der Rolle ärztlicher Autorität. Dieses Verbot gilt unbedingt und ungeachtet einer möglichen Zustimmung der Patienten. Es ist aber absurd, mit Zustimmung erfolgende sexuelle Handlungen an Patienten für nicht mit der ärztlichen Ethik vereinbar zu halten, doch die Hilfe bei der Tötung als Freundschaftsdienst zu deuten. Die Beachtung von Intimitätsgrenzen gehört zur professionellen Identität der Ärzte.

Für die Medizin ergibt sich noch ein weiterer Gesichtspunkt. Ethisches Verhalten und Vertrauen, das lehren Soziologie und Rechtswissenschaft, bedürfen neben der ethischen Kompetenz der Handelnden starker institutioneller Absicherungen. Patienten müssen darauf vertrauen dürfen, dass Ärzte nicht darüber nachdenken, ob es besser wäre, er oder sie wären nicht am Leben. Dies aber wird Ärzten abverlangt, sollten sie über die Angemessenheit eines Suizidwunsches urteilen dürfen, wie es viele Befürworter der Suizidhilfe vorschlagen.

Verbot als Akt der Gefahrenabwehr

Alle Einwände, die hier gegen die ärztliche Suizidhilfe vorgetragen wurden, müssen vor dem Hintergrund einer medizinischen Praxis gesehen werden, die ihre Grenzen kennt und den Willen der Patienten achtet. Immer mehr Krankheiten können mit den Mitteln der modernen Medizin in chronische Leiden verwandelt werden. Patienten überleben Zustände, in denen Organe versagen, weil die Medizin sie zu ersetzen vermag. Dies führt zum Unbehagen und zur Angst, bei fortgeschrittener Krankheit und aussichtsloser Lage ungebührlichem Leiden ausgesetzt zu sein. Die Medizin kann im Sinne einer Kultur der Begrenzung noch viel lernen. Und sie muss sich stets bemühen, diese Kultur in eine Praxis zu verwandeln.

Doch ist es falsch, der Medizin zu unterstellen, sie kenne und bedenke diese Grenzen nicht. Eine Fülle empirischer Untersuchungen belegt, dass in der überwältigenden Mehrzahl aller Sterbefälle in Kliniken eine Entscheidung vorausgegangen ist, eine Therapie zu begrenzen. Die eingangs erläuterte Therapiezieländerung ist längst klinische Routine. Gleichzeitig hat sich das Spektrum palliativmedizinischer Behandlung erweitert. Es gibt mithin keinen Grund, der Suizidassistenz in geschäftsmäßiger Weise oder als Teil ärztlicher Betreuung zu rechtfertigen vermag. Es steht einer freien Gesellschaft, die Leben und Integrität ihrer Mitglieder hochachtet, gut an, sie als Akt der Gefahrenabwehr zu untersagen.

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