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Sterbehilfe im Bundestag : Ein unmoralisches Angebot

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Gelegentlich wird behauptet, wenn es Ärzten freigestellt wäre, Assistenz beim Suizid anzubieten, würde der Wunsch der Patienten gleichsam von selbst verstummen. Das Wissen um die Möglichkeit eines letzten Ausganges sei ein Akt der Suizidprävention und geeignet, das Vertrauen von Patienten zu ihren Ärzten zu stärken. Als Beleg für diese Behauptung wird angeführt, dass etwa im amerikanischen Bundesstaat Oregon nicht alle Patienten, denen ein tödliches Medikament verschrieben wird, dies auch einnehmen. Das wundert jedoch nicht. Denn die schon erwähnte, empirisch belegte Ambivalenz in der suizidsensiblen Phase lässt viele Suizidwillige von ihrem Wunsch Abstand nehmen.

Zahl der assistierten Suizide steigt immer weiter

Aus der Tatsache des Rücktritts einiger Patienten vom Suizid kann nicht auf einen schützenden Effekt des Angebots der Suizidhilfe geschlossen werden. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Andere Patienten werden in einer sensiblen Phase der Gefahr der Suizidimitation ausgesetzt. Empirische Beobachtungen aus den Ländern, in denen Unterstützung beim Suizid angeboten wird, zeigen denn auch, dass die Zahl der vollzogenen assistierten Suizide stetig zunimmt. Diese Entwicklung ist auch in Oregon zu beobachten, dem von vielen als Vorbild für eine Regelung des ärztlich assistierten Suizids angeführten amerikanischen Bundesstaat, aber auch in den Niederlanden und in der Schweiz, zwei europäischen Ländern, in denen Suizidassistenz durch Organisationen oder Ärzte möglich ist.

Ein Weiteres kommt hinzu: Die Behauptung, ärztliche Suizidassistenz habe einen präventiven Effekt, wird durch die Erfahrungen in Oregon geradezu widerlegt. Der Bundesstaat hat eine der weltweit höchsten Suizidraten, sie liegt um fünfzig Prozent höher als in Deutschland. Zudem belegen Untersuchungen, dass Patienten mit depressiver Störung in Oregon entgegen den Vorschriften nicht mit hinreichender Sicherheit diagnostiziert werden. Für sie wie alle Patienten in suizidalen Phasen kommt das gesellschaftliche Angebot, das Fluidum der Suizidhilfe einer unmittelbaren Gefährdung ihres Lebens gleich. Das Vertrauen der Patienten in die Palliativmedizin hängt nicht von dem Angebot ab, Assistenz beim Suizid gewähren. Es ist umgekehrt. Die kunstgerechte palliative Betreuung schafft Vertrauen und bringt vorhandene Suizidwünsche zum Verstummen.

Patienten folgen dem Rat ihrer Ärzte

An dieser Stelle muss auf einen weiteren, oftmals übersehenen Aspekt aufmerksam gemacht werden. Das Verhältnis von Ärztinnen und Ärzten zu ihren Patienten ist durch eine erhebliche Asymmetrie gekennzeichnet. So folgen Patienten meist den Ratschlägen ihrer Ärzte. Der ärgste Feind der Selbstbestimmung ist die Krankheit, schrieb der amerikanische Bioethiker Eric Cassel. Daher rührt das Bedürfnis, die Entscheidung zur Selbsttötung von ärztlicher Zustimmung abhängig zu machen, sie gleichsam mit einer ärztlichen Indikation zu versehen. Ärzte sollen befinden, dass ein Zustand unerträglich sei, die Selbsttötung mithin einsichtig und verstehbar. Das aber widerspricht dem ärztlichen Ethos, denn es gibt keine Kriterien, die diesen Schluss zu ziehen erlaubten.

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