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Sterbehilfe im Bundestag : Ein unmoralisches Angebot

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Suizidbeihilfe: Dammbruch in den Niederlanden

In den Niederlanden etwa hat die Vereinigung für freiwilliges Lebensende die Stiftung Levenseindekliniek (Lebensendklinik) gegründet. Sie soll all denen Suizid- und Sterbehilfe anbieten, die mit ihrem Arzt über Kreuz liegen, weil der das Leiden nicht für unerträglich hält. Diese Entwicklung bestätigt, was man als logischen Dammbruch bezeichnen kann. Die Bindung des Selbstbestimmungsrechtes (als Rechtfertigung für die Suizidhilfe) an die Feststellung eines Leidenszustandes zieht mit unausweichlicher Logik die Ausweitung der Praxis nach sich, denn der Vorrang der Selbstbestimmung hebt die logisch zwingenden Begrenzungen auf.

Daher erweist sich die Idee als ein Feigenblatt, man könne Suizidhilfe auf wenige Fälle von Schwerstkranken beschränken. Das zeigt der Entwurf eines Gesetzes zur Liberalisierung ärztlicher Suizidhilfe, der von einer Gruppe von Abgeordneten um Peter Hintze vorgelegt wurde. Vorgeblich ist vorgesehen, dass ärztliche Suizidassistenz nur dann angeboten werden dürfe, wenn die Patienten an Beschwerden litten, die selbst mit den Mitteln der modernen Palliativmedizin nicht zu lindern seien. Im Text des Entwurfes steht etwas anderes. Darin heißt es, ärztliche Suizidassistenz solle zulässig sein bei Patienten, „deren unheilbare Krankheit zum Tode führt“.

Mehr als neunzig Prozent der Menschen in der westlichen Welt sterben im Gefolge chronischer Krankheiten. Diese sind tödlich und irreversibel. Dank der modernen Medizin können viele Menschen mit unheilbaren, zum Tode führenden Krankheiten für lange Zeit ein aktives Leben führen. Man kann sie im Kino und im Fußballstadion antreffen, manche treiben Sport. Diese Personen haben meist nach der Stellung der Diagnose eine Phase tiefer Depression erlebt. Sollen Ärzte ihnen in dieser Phase etwa Suizidassistenz anbieten?

Unkenntnis der Palliativmedizin

In der Ansicht, die Feststellung eines Leidenszustandes könne die Assistenz beim Suizid rechtfertigen, schlägt sich zudem eine mit Geringschätzung einhergehende Unkenntnis der Palliativmedizin nieder. Symptomatische Behandlung kann sie immer anbieten, und sei es in Form der therapeutischen Sedierung. Ausweislich aller einschlägigen Untersuchungen sind es nicht das Vorhandensein oder die Angst vor körperlichen Beschwerden, die Personen veranlassen, Hilfe beim Suizid zu erbitten. Es sind vielmehr soziale Deprivation und Angst vor Autonomieverlust. Das erklärt umgekehrt, warum die Zusage palliativer Betreuung und die Versicherung, die vom Patienten gesetzten Grenzen der Behandlung zu achten, den Suizidwunsch nahezu ausnahmslos verschwinden lassen: Wenn nicht mehr durch Krankheit bedingte Symptome der Grund sind, einen Suizidwunsch für beachtlich zu halten, dann erweist sich die von Befürwortern ärztlicher Suizidassistenz vielfach geforderte Beschränkung auf Situationen terminaler Erkrankung nur als Vorwand und als rhetorische Beschwichtigung.

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