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Sterbehilfe im Bundestag : Ein unmoralisches Angebot

  • -Aktualisiert am

100.000 Suizidhandlungen im Jahr

Dieser Verweis vermag die Assistenz beim Suizid nicht zu rechtfertigen. Denn insbesondere geschäftsmäßige Angebote (also auch solche als Teil medizinischer Dienstleistung) suggerieren eine soziale Akzeptanz und Ermunterung zum Suizid. Beides verstößt gegen die fundamentalen Regeln der sozialen Gemeinschaft. Das Angebot selbst macht die Handlung unfrei, denn sie signalisiert ein Gutheißen. Daher ist das gelegentlich anzutreffende Pathos, mit dem ein Recht auf Unterstützung beim Suizid eingefordert wird, fehl am Platz. Es verhält sich genau umgekehrt. Der Schutz vor den Gefahren des Angebots der Suizidhilfe sichert Freiheit und Selbstbestimmung.

Das belegen zudem die Erkenntnisse der Suizidforschung. Das Angebot der Hilfe beim Suizid gefährdet empfängliche Personen. Suizidale Personen erleben fast ausnahmslos Phasen dramatischer Ambivalenz, bevor eine Suizidhandlung ausgeführt wird. In jedem Jahr begehen etwa hunderttausend Personen in unserem Land eine Suizidhandlung, zehntausend versterben an den Folgen. Von den übrigen neunzigtausend wiederholt die überwältigende Mehrzahl die Handlung nicht, distanziert sich mithin vom Suizid. Hätte man diesen beim Suizid assistieren sollen? Es ist ein Akt der Gefahrenabwehr, Suizidassistenz zu verbieten, wenn sie geschäftsmäßig und auf Wiederholung ausgerichtet erfolgt.

Suizid steckt an

Ein weiterer Befund wird gerne übersehen. Suizidhandlungen verführen zur Imitation, sie sind gleichsam infektiös. Menschen in psychischen Belastungssituationen und Krisen neigen zur Nachahmung. Das weiß man seit der Veröffentlichung von Goethes „Leiden des jungen Werthers“. Nach der Lektüre häuften sich Selbsttötungen junger Männer. Das in der Suizidforschung als „Werther-Effekt“ bekannte Phänomen war etwa statistisch nachweisbar, nachdem Millionen Zuschauer die Trauerfeier für den durch Selbsttötung aus dem Leben geschiedenen Torwart Robert Enke am Fernsehschirm verfolgt hatten. Die Zahl der Suizide und Suizidhandlungen stieg. Ebenso beobachteten Wissenschaftler eine Zunahme der Selbsttötungen, nachdem ein Fernsehfilm über den Suizid eines Schülers in zeitlichem Abstand in verschiedenen Bundesstaaten der Vereinigten Staaten gezeigt worden war. Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention lehnt die Assistenz beim Suizid daher ab.

Manchmal heißt es, Suizidhilfe sollte nicht generell zugelassen sein, jedoch in solchen Situationen, in denen Patienten an einer weit fortgeschrittenen und tödlichen Erkrankung leiden. Wiederum verweisen die Befürworter auf das Recht auf Selbstbestimmung. Doch muss nach ihrer Ansicht etwas hinzukommen: die Feststellung eines nicht zumutbaren Leidens.

Diese Argumentation verdeckt unter dem Mantel des Mitleids eine Paradoxie. Es ist widersprüchlich, die Hilfe bei der Selbsttötung als Ausdruck der Förderung der Selbstbestimmung zu apostrophieren, sie gleichzeitig aber an medizinische Zustände wie eine terminale Erkrankung zu binden, deren Symptome zudem noch von Ärzten als unerträglich bescheinigt werden sollen. Eine genehmigungspflichtige Entscheidungsfähigkeit ist keine Selbstbestimmung. Es liegt daher in der Logik solcher Regelungen, dass die oft behauptete Begrenzung auf wenige Fälle nicht durchzuhalten ist.

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