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Sterbehilfe im Bundestag : Ein unmoralisches Angebot

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Ähnlich verhält es sich mit der sogenannten indirekten Sterbehilfe. Ärzten und Pflegenden wird mit diesem Begriff unterstellt, dass sie bei der Schmerztherapie nicht selten den Tod der Betroffenen herbeiführten. Die Herbeiführung des Todes, so die Behauptung, sei notwendiger Bestandteil der Palliativmedizin, wenn diese zur Schmerzfreiheit führen wolle.

Risiko tödlicher Folgen besteht immer

Mit Blick auf die medizinischen Tatsachen ist diese Behauptung falsch. In ethischer Hinsicht ist sie irreführend. Kunstgerecht durchgeführte Schmerztherapie verlängert Leben, wie die wissenschaftliche Palliativmedizin weiß. Selbst die häufig als Grenzfall bezeichnete „therapeutische Sedierung“ verkürzt die Lebensspanne nicht.

In ethischer Hinsicht gilt es zu beachten, dass alle medizinischen Maßnahmen mit der Gefahr einhergehen, dass Personen Schaden nehmen, manchmal auch an den Folgen selbst kunstgerechter Behandlung versterben. Doch ist dies bei Routineeingriffen wie Operationen der Gallenblase, der Entfernung des Blinddarmes, Eingriffen an der Bauchspeicheldrüse oder der Gabe von Medikamenten gegen Herzrhythmusstörungen weit häufiger der Fall als bei der Schmerztherapie in palliativer Absicht.

Palliativmedizinische Behandlung ist auf die Behandlung von Symptomen ausgerichtet. An diesem Ziel orientiert sich die Auswahl der Mittel. Wie bei jeder medizinischen Maßnahme ist niemals auszuschließen, dass es zu Nebenwirkungen kommt, auch mit Todesfolge. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Palliativmedizin nicht von sonstigen medizinischen Maßnahmen. Nur ist mit tödlichen Komplikationen in weit weniger Fällen zu rechnen als bei anderen medizinischen Eingriffen. Es gibt mithin keinen Grund, der Palliativmedizin die Intention zu unterstellen, sie wolle Leben beenden. Das führte zur absurden Konsequenz, alle medizinischen Handlungen mit beabsichtigten Akten der Lebensbeendigung, der Suizidhilfe und der aktiven Sterbehilfe, normativ gleichzustellen, weil sie ohne Ausnahme mit dem Risiko tödlicher Folgen behaftet sind.

Für die ethische Beurteilung palliativmedizinischen Vorgehens entscheidend sind zwei Elemente: die Intention und die kunstgerechte Durchführung. Palliativmedizin will Symptome behandeln, sie strebt nicht den Tod des Patienten an. Dass an diese Tatsache überhaupt erinnert werden muss, ist ein Beispiel für die eingangs getroffene Feststellung, wie sehr die Diskussion um die Suizidhilfe von rhetorischen Beschwörungen verzerrt wird.

Freiheit zum Tode, Präferenz für das Leben

Was spricht nun gegen den ärztlich assistierten Suizid? Der Suizid ist eine Handlung, die sich in einer säkularen Welt der Bewertung entzieht. In einer freien Gesellschaft werden Suizidhandlungen nicht bestraft. Anderes wäre unangemessen und widerspräche im Falle des freien, nicht durch psychologische Umstände oder Krankheit (meist psychiatrische Leiden) bedingten Bilanzsuizids dem Respekt vor der Selbstbestimmung der Person. Die Freiheit zum Tode wird ungeachtet der Bewertung in religiösen Bekenntnissen oder säkularen Ethiken von der Verfassung geschützt.

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