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Sterbehilfe-Debatte : „Wachkoma-Patienten sind behindert, nicht sterbend“

  • Aktualisiert am

SPD und FDP fordern die Ausweitung der Patientenverfügung Bild: dpa/dpaweb

Könnte ein Fall wie der von Terri Schiavo sich auch in Deutschland ereignen? Nach Ansicht des Unions-Experten Hubert Hüppe müßte sie weiterernährt werden. Alles andere sei ein „Tod durch Verhungernlassen“.

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          Die Auseinandersetzung um die amerikanische Wachkomapatientin Terri Schiavo hat in Deutschland eine Debatte über die Sterbehilfe entfacht.

          Politiker von SPD und FDP forderten am Mittwoch eine Ausweitung der Patientenverfügungen. CDU und Bundesärztekammer lehnten dies ab.

          Umfrage: Mehrheit für aktive Sterbehilfe

          Unterdessen hat eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Emnid ergeben, daß drei Viertel der Bundesbürger für aktive Sterbehilfe bei Schwerstkranken sind. Konkret plädierten 76 Prozent dafür, die Beendigung des Lebens eines Schwerstkranken auf dessen Wunsch hin in Zukunft zu erlauben.

          20 Prozent lehnten eine Änderung des bisherigen Verbots aktiver Sterbehilfe ab. Fünf Prozent machten keine Angaben. Die Umfrage ergab weiter, daß die Befürwortung aktiver Sterbehilfe mit zunehmendem Alter der Befragten tendenziell zunimmt. Emnid hatte am Dienstag repräsentativ 501 Bundesbürger befragt.

          Union gegen „Sterben durch Verhungernlassen“

          Der behindertenpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Hubert Hüppe, (CDU) betonte, Schiavo habe ein Recht auf Ernährung. Wachkomapatienten wie Schiavo „sind Lebende, keine Sterbenden“, betonte Hüppe. Diese Menschen durch Nahrungsentzug „sterben zu lassen“ heiße, „sie sterben durch Verhungern und Verdursten“. Wachkoma an sich sei keine tödliche Krankheit. Die amerikanische Wachkoma-Patientin sei „ein Mensch mit einer Behinderung“. Sie lebe unabhängig von lebenserhaltenden Maschinen und sei nur auf künstliche Nahrungszufuhr angewiesen.

          „Menschen, die durch Krankheit oder Unfall eine schwere Behinderung haben, brauchen Zuwendung, Pflege und bestmögliche Rehabilitation“, betonte Hüppe. Die Schwere einer Behinderung könne nicht ausschlaggebend dafür sein, den Tod durch Nahrungsentzug herbeizuführen. Sonst seien „große Gruppen schwerbehinderter Menschen konkret gefährdet“. Dies gelte auch für die anstehende deutsche Gesetzgebung, sagte Hüppe mit Blick eine künftige Regelung zur Patientenverfügung.

          „Ärzte müssen konsequent für das Leben eintreten“

          Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, wandte sich gegen jede Form aktiver Sterbehilfe. „Jeder Patient muß sich zu jeder Zeit sicher sein, daß Ärzte konsequent für sein Leben eintreten“, sagte Hoppe. Bezüglich der Rechtsverbindlichkeit von Patientenverfügungen warnte er vor zu hohen Erwartungen. Es sei illusorisch, anzunehmen, daß man alle denkbaren Fälle erfassen könne. Krankheitsverläufe seien so individuell, daß sie nicht in einem Gesetz erfaßt werden könnten.

          SPD für Ausweitung von Patientenverfügungen

          Der rechtspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Joachim Stünker, sprach sich dafür aus, Patientenverfügungen auszuweiten, mit denen lebenserhaltende Maßnahmen abgelehnt werden können. „Die Willenserklärung, die in vollem Bewußtsein und voller Geschäftsfähigkeit abgegeben wird, muß Gültigkeit haben“, sagte er. „Sonst würden erneut Andere die Entscheidung über lebenserhaltende Maßnahmen treffen“, sagte Stünker.

          Ethik-Expertin: Keine Entscheidung per Ferndiagnose

          Nach Ansicht von Ethik-Experten zeigt der Fall Schiavos, wie notwendig eine Patientenverfügung ist. „Sie ist entlastend und hilfreich, aber sollte möglichst an eine Vorsorgevollmacht gekoppelt sein“, sagte die Ärztin Andrea Dörries, Direktorin des Zentrums für Gesundheitsethik der hannoverschen evangelischen Landeskirche.

          Sie kritisierte aber die Art und Weise, wie in Amerika der Fall Schiavo verhandelt werde. Es sei unerträglich, Politikern ein Video der Patientin vorzuführen und von ihnen per Ferndiagnose eine Entscheidung über die Fortsetzung der künstlichen Ernährung zu verlangen, sagte Dörries: „So einfach ist die Sache nicht.“

          Wachkoma-Patienten sind behindert, nicht sterbend

          „Für eine gute Urteilsfindung braucht man eine große persönliche Nähe, um alle wichtigen Aspekte und Eindrücke erfassen zu können“, betonte Dörries. Dazu gehörten Gespräche mit allen Beteiligten wie Ehemann, Eltern, Ärzten und Pflegenden.

          Wachkoma-Patienten seien ohne Bewußtein, weil das Großhirn geschädigt sei, sagte Dörries: „Damit sind sie aber keinesfalls hirntot.“ Nach Ansicht von Medizinern ist Schiavo deshalb auch kein sterbender, sondern ein behinderter Mensch. Diese Patienten seien in der Ernährung mit kleinen Kindern vergleichbar, die rund um die Uhr versorgt werden müssen.

          Terri Schiavo liegt seit 1990 im Wachkoma. Ein Eilantrag der Eltern der 41 Jahre alten Patienten, die am Freitag beendete künstliche Ernährung wieder aufzunehmen, war am Dienstag von einem Bundesrichter in Florida abgelehnt worden. Die Hoffnungen der Eltern erfüllten sich damit nicht, nachdem Präsident Bush am Montagmorgen ein im Eilverfahren beschlossenes Gesetz unterzeichnet hatte, mit dem das Leben der Komapatientin verlängert werden sollte.

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