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Widersprüche im Lübcke-Prozess : Alles frei erfunden?

Der Vorsitzende Richter im Lübcke-Prozess, Thomas Sagebiel. Bild: EPA

Das Gericht will im Lübcke-Prozess das widersprüchliche Verhalten des Angeklagten begreifen. Stephan E. gibt zu, in Vernehmungen gelogen zu haben. Er habe den „Psychonazi“ geben wollen.

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          Der Vorsitzende Richter spricht von einem „Psychostück“, das für ihn nicht nachvollziehbar sei. Thomas Sagebiel, der den Prozess zum Mord an Walter Lübcke leitet, will das Verhalten des Angeklagten begreifen. Nach den so unterschiedlichen Aussagen, die Stephan E. über sich selbst getroffen hat, dürfte das nicht leichtfallen. Zumal bislang kaum ein Verhandlungstag ohne neue Widersprüchlichkeiten verging. Vergangenen Mittwoch hatte E. gestanden, den Kasseler Regierungspräsidenten erschossen zu haben. Den Mitangeklagten Markus H. belastet er seitdem stark; demnach könnte dieser sogar Mittäter gewesen sein. Es war die dritte Version des Tatgeschehens, die E. präsentierte, um „reinen Tisch zu machen“. Zwei Tage später folgten die nächsten „Klarstellungen“, wie der Angeklagte sagt.

          Marlene Grunert

          Redakteurin in der Politik.

          Am Montag stellen sich abermals Fragen, die Zweifel an E.s Glaubwürdigkeit wecken. Im ersten Geständnis hatte er angegeben, schon vor dem Tattag mehrmals am Grundstück der Familie Lübcke gestanden zu haben, bewaffnet und zur Tat bereit. Das bestreitet er nun. „Dann haben Sie das gut geschauspielert“, sagt der Richter Christoph Koller; die frühere Schilderung sei „eindrücklich“ gewesen. E. hatte sich in der aufgezeichneten Vernehmung detailliert eingelassen. „Zitternd“ habe er am Grundstück gestanden. Er habe es nicht geschafft, hatte E. damals gesagt. Gedacht habe er: „Bei der Kirmes, da erschießt du ihn.“ Das alles habe er frei erfunden, will auch der Oberstaatsanwalt Dieter Killmer wissen. Der Angeklagte nickt.

          Wenigstens die Motive für die unterschiedlichen Aussagen müsse man kennen, um zu wissen, was man glauben solle, sagt Killmer. Er habe den Beamten „was vorgemacht“, um „die Sache glaubhafter zu machen“, schildert E. Außerdem habe er den „Psychonazi“ geben wollen; „die Sache sollte größer wirken“. „Ein Stück Geltungssucht“, sagt der Richter, der versucht, diesen Charakterzug mit den Reuebekundungen des Angeklagten in derselben Vernehmung in Einklang zu bringen. Aber dieses „Psychostück“ wirke nicht plausibel.

          Wie ist es ihm nach der Tat ergangen?

          Auch Dieter Killmer macht E. immer wieder auf dessen widersprüchliches Verhalten aufmerksam. Er konzentriert sich auf die Rolle, die der Hauptangeklagte Markus H. zuschreibt. Je schmallippiger sich E. gibt, desto strenger wird der Oberstaatsanwalt. Killmer will genau wissen, wann man den gemeinsamen Tatentschluss gefasst habe, wie das Gespräch abgelaufen sei. „Schildern Sie das!“ E. reagiert verhalten. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters erzählt E., wie es ihm nach der Tat ergangen sei: „sehr schlecht“. Sagebiel will wissen: „Aus Reue oder Sorge vor Entdeckung?“ „Alles.“ Mit H. habe er nie wieder über die Tat gesprochen – obwohl man sich nur wenige Tage später im Schützenverein gesehen habe. Der Oberstaatsanwalt hakt nach: „Sie haben einen Menschen getötet, Sie sind bedrückt. Die einzige Person, mit der Sie reden könnten, suchen Sie nicht auf?“ E. antwortet: „Er hätte ja auch zu mir kommen können.“

          Die Richter gehen auf eine weitere Aussage ein, deren Detailliertheit für E. von Nachteil sein könnte. In der ersten Vernehmung hatte er angegeben, sich am 6. Januar 2016 so sehr über die Kölner Silvesternacht erregt zu haben, dass er durch die Straßen gelaufen sei und Wahlplakate der Grünen abgetreten habe. Einem Ausländer habe er zugerufen: „Euch sollte man den Hals abschneiden.“ Warum er noch Tage nach Silvester so aufgebracht gewesen sei, will Sagebiel wissen. Nun gibt E. an, gar nicht gewusst zu haben, ob es der 6. Januar gewesen sei. Das Datum sei ihm in der Vernehmung „spontan gekommen“. An diesem Tag wurde in Lohfelden ein junger Iraker niedergestochen; E. wird auch diese Tat zur Last gelegt. Er bestreitet, mit dem Angriff etwas zu tun zu haben.

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