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Jasper von Altenbockum (kum.)

Steinmeiers Gedenkrede : Liebe zu diesem Land, aber mit gebrochenem Herzen

Frank-Walter Steinmeier während seiner Gedenkrede vor der Neuen Wache in Berlin, rechts neben ihm Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle, links Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und Bundesratspräsident Dietmar Woidke, Ministerpräsident in Brandenburg Bild: dpa

An kaum eine Gedenkrede werden so gegensätzliche Erwartungen gestellt wie an die zum 8. Mai. Der Bundespräsident ist ihnen mit einem einzigen Satz gerecht geworden, an den man sich noch lange erinnern wird.

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          Es ist eine Kunst, im Gedenken an den 8. Mai 1945 ganz gegensätzlichen Erwartungen gerecht zu werden. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist das in seiner Rede vor der Neuen Wache in Berlin mit dem Satz gelungen: „Man kann dieses Land nur mit gebrochenem Herzen lieben.“ Das bezog er auf die Verantwortung für millionenfachen Mord, dem durch den Sieg der Alliierten an jenem Tag endlich ein Ende gesetzt wurde.

          Er lässt sich aber auch auf die Millionen Deutschen beziehen, die Steinmeier erwähnte, die damals ihr Leben oder ihre Heimat verloren, oder auf die Deutschen, die erst Generationen später den „glücklichsten Moment der Befreiung“ erlebten, wie Steinmeier sagte, die friedliche Revolution der Wiedervereinigung.

          Jener Begriff der Befreiung hat die Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs jahrelang bereichert oder belastet, je nachdem, wie man die Dinge sieht. Er stand immer in Konkurrenz zur „Niederlage“. Die neueste Wendung ist eine kuriose, indem ehemalige Befürworter der Formel Richard von Weizsäckers nun plötzlich Bedenken haben: Denn befreit werden können nur Gefangene, aber waren die Deutschen nicht alles Täter? Das waren sie gewiss nicht, wie die Geschichte nach 1945 und der Weg in die Bonner Republik zeigt.

          Steinmeier versuchte erst gar nicht, sich in diese ideologischen Gräben hinabzubegeben, sondern hielt für damals wie für heute fest: Befreit kann nur jemand sein, der sich selbst befreit. Das war zugleich seine Botschaft an die jüngere Generation, die zu Recht im Mittelpunkt der Rede stand.

          Denn die Erinnerung an das Kriegsende muss auch diesen Erwartungen gerecht werden: Sie muss sich an die Zweifler und die Gegner des Wegs richten, der damals eingeschlagen wurde, neuerdings auch gegen die Hassprediger, die ihn für eine große historische Verschwörung halten.

          Ihnen setzte Steinmeier den Satz entgegen: Scheitere Europa, dann scheitere das „Nie wieder!“. Die apokalyptischen Bilder von damals verleiten paradoxerweise, weil sie so unwirklich wirken, zum Leichtsinn. Dagegen ist das dünne Eis der Corona-Krise schon wieder eine dicke Schicht.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

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