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Steinmeier in Brandenburg : Kabul und Kirchmöser

„Tierische” Begrüßung: Steinmeier auf dem Gelände der Landesgartenschau in Rathenow Bild: dpa

Der Außenminister strebt 2009 in den Bundestag. Auf in die Provinz, hieß es deshalb: Frank-Walter Steinmeier besucht seinen künftigen Wahlkreis im westlichen Brandenburg. Bloß nicht wie ein Tänzer auf dem diplomatischen Parkett wirken, ist die Devise.

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          Auf in die Provinz, hieß es. Frank-Walter Steinmeier wirkte zurückhaltend wie eh und je, stand stets in der zweiten Reihe, obwohl die Kameras doch auch auf ihn gerichtet waren, den neuen Kanzleramtschef. Das war im Sommer 1999. Gerhard Schröder hatte sich soeben von Kanzleramtsminister Bodo Hombach getrennt, hatte die Wirren nach dem Rücktritt Oskar Lafontaines noch nicht so recht überstanden und auch deshalb das dringende Bedürfnis, Deutschland und der Welt zu verkünden, dass ihm das Regieren wieder richtig Spaß mache.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Er folgte einer Einladung des seinerzeitigen Grünen-Fraktionsvorsitzenden Rezzo Schlauch in dessen nordwürttembergische Heimat und besuchte dort – immer noch eher der Genosse der Bosse – den Schraubenkönig und Kunstsammler Reinhold Würth in Hohenlohe. Der gerade beförderte Steinmeier sah Schröder in seinem Element: jovial, schulterklopfend, schlagfertig – kaum eine Angestellte des gar nicht mehr so mittelständischen Mittelständlers war vor seinem herzlichen Händeschütteln sicher. Schröder hatte seine Selbstsicherheit ein bisschen zu sehr wiedergewonnen und raunzte die Fotografen beim Treppenabstieg schon mal an: „Ich lasse mich nur fotografieren, wenn ich hinaufgehe.“

          „So, det Leben jeht weiter, meine Herren“

          Acht Jahre später bereist der Außenminister den Wahlkreis 60, besucht die Stadt Brandenburg, das Havelland, Rathenow und Lehnin, fährt mit dem Rad. Steinmeier, jahrelang Schröders rechte Hand in Hannover, Bonn und Berlin, der Strippenzieher im Hintergrund, und seit noch nicht mal zwei Jahren der oberste deutsche Diplomat, strebt 2009 in den Bundestag. Gegen zwölf Uhr kommt er an diesem Tag auf dem Märkischen Platz in Rathenow an, steigt aus dem Bus und begibt sich sogleich an die Stände des Bauernmarktes, ins Volk. Die Regenwolken haben sich soeben verzogen, die Sonne setzt ihn vor der Kulisse an der Havel ins rechte Licht.

          Auf dem Bauernmarkt in Rathenow: Steinmeier geht von Stand zu Stand

          Mit heller Hose und hellem Hemd bekleidet, geht ein gebräunter Steinmeier auf einen Metzger zu, der diverse Würstchen anbietet. Steinmeier beißt beherzt in die märkische Pfefferwurst und verteilt das Prädikat „Echt gut“. Neben ihm steht die Metzgersfrau, die in dem Pulk von örtlichen Sozialdemokraten, Sicherheitsbeamten und Journalisten vergeblich ihre Kundschaft auszumachen versucht. „So, det Leben jeht weiter, meine Herren“, preußelt sie bestimmt. Steinmeier grinst verständnisvoll und zieht zum Stand mit Spreewald-Gurken.

          Vor allem ältere Herren haben sich auf dem Marktplatz eingefunden, um den Bundesaußenminister mal zu sehen. In ihren Hüten, Holzfällerhemden und Hosenträgern stehen sie da und beobachten das Aufgebot halb interessiert, halb skeptisch. Steinmeier verzichtet auf krachende Witze im Vorbeigehen. Ist aber einer der Herren eifrig um Augenkontakt zum Herrn Minister bemüht, bleibt dieser stehen, reicht die Hand: „Und, wie geht’s?“ Man könne seine Hilfe brauchen – das bekommt er an diesem Tag öfter zu hören, im Industriepark Premnitz und auch in den Havelland Kliniken.

          Schröder in angenehmer

          Der Niedergang der chemischen Industrie hat die Region nach der Wende gebeutelt, doch hier und da gibt es Hoffnungsschimmer. Steinmeier erinnert in solchen Situationen daran, dass auch er aus einer Region komme, die während der Krise der Holzindustrie ähnliche Probleme hatte. Und er weist darauf hin, dass der Politiker Steinmeier nicht nur mit dem Krieg in Kabul und der Frage eines türkischen EU-Beitritts befasst sei, sondern er sich zuvor, im Kanzleramt, hauptsächlich mit Wirtschafts- und Industriepolitik beschäftigt habe. Bloß nicht wie ein Tänzer auf dem diplomatischen Parkett wirken, ist die Devise.

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