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Steinmeier spricht mit Bürgern : „Die Ungeduld wächst spürbar im Lande“

  • -Aktualisiert am

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht am Donnerstag vom Schloss Bellevue aus in einer Videokonferenz mit medizinischem Personal in Sachsen. Bild: dpa

Frank-Walter Steinmeier spricht mit sächsischen Ärzten und Pflegern. Ein Intensivmediziner beklagt, dass Krankenhäuser in den Händen von Ökonomen seien. Und eine Ärztin schildert, wie die Sachsen die Corona-Regeln sehen.

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          Die fünf Gäste von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gehören zu Berufsgruppen, die sich wegen Corona vor Arbeit kaum retten können. Ärzte, Pflegende und auch ein Bestatter aus Sachsen nahmen am Donnerstag an einem Videogespräch mit dem Bundespräsidenten teil. „Sachsen hat besonders schwere Zeiten hinter sich“, eröffnete Steinmeier die Runde. Er dankte den Teilnehmern „stellvertretend für alle, die alles dafür tun, dass aus der Gesundheitskrise keine Gesellschaftskrise wurde“. Ob das so bleibt, ist fraglich, denn auch Steinmeier konstatierte: „Die Ungeduld wächst spürbar im Lande.“

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Jana Scholz, Hausärztin aus Pirna in der Sächsischen Schweiz, bestätigte das. Auch wenn die Fallzahlen sinken, seien die psychischen Folgen offensichtlich. Vor allem Familien mit mehreren Kindern und Eltern im Homeoffice seien „am Limit“, es gebe Schlafstörungen und Aggressionen. „Die Leute“ sagte sie, „haben jetzt auch mal ein Recht darauf, kaputt zu sein.“ Ältere dagegen seien schon wieder sehr zuversichtlich und buchten Reisen für den Sommer.

          Angebliche Triage machte Schlazeilen

          Die sinkenden Zahlen allerdings spiegelten sich noch nicht in Krankenhäusern wider, sagte Radovan Novák, Chef-Intensivmediziner am Oberlausitzer Berglandklinikum in Zittau. Das Haus war im Dezember wegen angeblicher Triage in die Schlagzeilen geraten, was sich als falsch herausstellte, aber den Blick auf die hohe Auslastung lenkte. Seit Oktober sei die Intensivstation „komplett voll“, und bis jetzt lasse die Belastung einfach nicht nach.

          Deutliche Antworten gaben alle auf Steinmeiers Frage nach Problemen. An erster Stelle nannten sie das absolut erscheinende Primat der Wirtschaftlichkeit, das in den vergangenen Jahren im Gesundheitssektor Einzug gehalten habe. „Leider sind wir in der Hand von Ökonomen“, sagte Novák. „Wir haben Lager abgebaut und auf Just-in-time gesetzt.“ Das habe sich zu Beginn der Pandemie gerächt, als dringend benötigte Schutzausrüstung nicht mal mehr für viel Geld zu kaufen gewesen sei.

          In der Pflege sei es genauso gewesen, sagte Ina Eger, Pflegedienstleiterin einer Klinik in Werdau. „Warum gab es Schutzausrüstung nur aus China? Können wir sowas nicht in Deutschland herstellen?“ Und Patrick Hahmann, Geschäftsführer eines ambulanten Pflegedienstes in Radeberg erzählte, wie seine Mitarbeiter zunächst selber Desinfektionsmittel gemischt und Masken genäht hätten.

          Kritik an Gesundheitsämtern

          Nicht gut weg kamen auch die öffentliche Verwaltung und die Gesundheitsämter. Warum Hausärzte positiv getestete Patienten nicht sofort in Quarantäne schicken könnten, sondern nur das Gesundheitsamt, das aber mit den Bescheiden nicht hinterherkomme, erschließe sich ihr nicht, sagte Jana Scholz. „Das dauert alles zu lange!“

          Dem pflichteten die Vertreter der Pflegedienste bei. „Auf die erste Welle war die Verwaltung nicht vorbereitet“, sagte Eger. In den Ämtern habe Chaos geherrscht, aber eben auch, weil diese selbst in den Jahren zuvor immer mehr Personal abgebaut hätten. Inzwischen habe sich zwar einiges verbessert. „Doch ich habe die Befürchtung, wenn die Normalität wieder zuschlägt, geht es weiter wie früher“, so Eger. Auch Novák sagte, dass der Sparzwang der vergangenen Jahre schlimme Folgen gerade für kleine Krankenhäuser gehabt habe. Permanent habe man Betten abbauen müssen, doch hätten gerade die Kleinen jetzt „das Land gerettet“.

          Angesprochen auf das Impfen wussten Steinmeiers Gäste Positives zu berichten. Die Bereitschaft bei Patienten wie Mitarbeitern sei hoch, gleichwohl fehle Impfstoff, während bisweilen zu viel Bürokratie herrsche, wie Patrick Hahmann schilderte. Seine Mitarbeiter hätten bereits Anfang Januar einen Impftermin gehabt, zu dem jedoch kein Arzt erschienen sei. „Jetzt haben wir Mitte Februar und warten noch immer auf einen neuen Termin.“ Mehrere Kollegen hätten sich inzwischen privat Termine besorgt.

          Systemrelevante Bestatter

          Tobias Wenzel, Innungsobermeister der Bestatter in Sachsen, wiederum schilderte die Lage angesichts der hohen Übersterblichkeit. Im Dezember waren in Sachsen doppelt so viele Menschen wie im gleichen Monat in den Jahren zuvor gestorben, auch im Januar habe sich der Trend fortgesetzt. „Wir brauchen zurzeit jeden Mitarbeiter“, sagte Wenzel, der immerhin nach einem Offenen Brief an den Ministerpräsidenten erreichte, dass Bestatter als systemrelevant eingestuft wurden und ihre Kinder auch zur Notbetreuung bringen konnten.

          So manche Aussage habe ihn doch überrascht, sagte Steinmeier und wollte dann noch wissen, ob nach Erfahrung seiner Gäste die Zahl der Bürger überwiege, die Verständnis für die Maßnahmen der Regierung hätten oder eher die der Kritiker. Eindeutig ersteres, sagte Hausärztin Scholz. Im Osten sei man ja eine gewisse Reglementierung durch den Staat ohnehin gewohnt.

          Proteste in Sachsen

          Steinmeier sprach dann aber noch von den zwei Dutzend Leuten, die neulich vor dem Privathaus von Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) demonstrierten und fragte, warum es „immer wieder in Sachsen so viel Protest“ gebe, jedenfalls nehme er das stärker wahr als in anderen Bundesländern. Ach, sagte da Jana Scholz. Diejenigen, die schimpften, das seien vielleicht zehn Prozent, und sie seien eben sehr laut.

          Die anderen Teilnehmer nicken, während Radovan Novák, der täglich aus der Tschechischen Republik nach Zittau zur Arbeit kommt und auch die Grenzkontrollen passieren muss, noch einen guten Rat für zu Pandemie-Pessimismus neigende Deutsche hat: „Seien Sie froh, dass Sie in Deutschland leben!“ Der „von einem Multimillionär geführten“ Regierung in Prag jedenfalls könne er nicht mehr vertrauen, geschweige denn, sie ernstnehmen. Die tschechischen Behörden meldeten am Donnerstag fast 11.000 Neuinfektionen – das waren fast 1000 mehr als in Deutschland bei acht Mal weniger Einwohnern.

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