https://www.faz.net/-gpf-aase3

Corona-Gedenken : „Eine Gesellschaft, die verdrängt, wird Schaden nehmen“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche mit Besucherinnen des Gottesdienstes. Bild: dpa

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warnt vor negativen gesellschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie. Auf der Gedenkveranstaltung in Berlin sagt er, Leiden und Sterben seien in der Öffentlichkeit oft unsichtbar geblieben.

          3 Min.

          In der Gedenkfeier für die Opfer der Corona-Pandemie hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dazu aufgerufen, über Schmerz, Leid und Wut zu sprechen. „Seit dem Beginn der Katastrophe blicken wir täglich wie gebannt auf Infektionsraten und Todeszahlen, verfolgen Kurvenläufe, vergleichen und bewerten“, sagte Steinmeier. Das sei verständlich. „Aber mein Eindruck ist, dass wir uns als Gesellschaft nicht oft genug bewusst machen, dass hinter all den Zahlen Schicksale, Menschen stehen.“ Ihr Leiden und ihr Sterben seien in der Öffentlichkeit oft unsichtbar geblieben. „Eine Gesellschaft, die dieses Leid verdrängt, wird als ganze Schaden nehmen“, sagte der Bundespräsident.

          Helene Bubrowski
          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Steinmeier rief dazu auf, die gesellschaftlichen Folgen der Pandemie ernst zu nehmen. „Wenn wir heute einen Moment innehalten, dann wird uns bewusst, dass das Virus unsere Gesellschaft tiefer erschüttert und verwundet hat, als wir uns das im Alltag eingestehen. Uns wird bewusst, wie schwer es uns alle trifft.“ Alle spürten Sorge und Ungewissheit, litten unter den Beschränkungen. „Aber wir wissen auch längst: Das Virus gefährdet nicht alle gleich, und die Beschränkungen setzen nicht allen gleich schwer zu. Wir denken heute an diejenigen, die diese Krise besonders hart getroffen hat“, sagte der Bundespräsident in seiner Rede im Anschluss an einen ökumenischen Gottesdienst. Neben Steinmeier nahmen fünf Hinterbliebene von Corona-Toten sowie Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, Bundesratspräsident Reiner Haseloff und Bundesverfassungsgerichtspräsident Stephan Harbarth an der Gedenkfeier teil. 80.000 Menschen sind in Deutschland an oder mit dem Coronavirus verstorben, fast drei Millionen sind es weltweit.

          „Es gibt keine Worte für Ihren Schmerz“

          Die Verstorbenen fehlten „in ihren Familien und Freundeskreisen, in der Nachbarschaft, im Kreis der Kollegen, in unserer Gesellschaft“, sagte der Bundespräsident. Sie alle kämen nicht zurück. „Aber sie bleiben in unserer Erinnerung. Wir vergessen sie nicht.“ Es zerreiße das Herz und mache „unendlich traurig“ zu wissen, dass viele Menschen ohne Beistand und Abschied sterben mussten. Steinmeier erinnerte daran, dass manchmal selbst Angehörige ihre Nächsten in Krankenhäusern, Pflegeheimen und Hospizen nicht besuchen dürfen. „Wir denken an alle, die im Moment ihres Todes keine vertraute Stimme hören, kein vertrautes Gesicht sehen konnten. Die sterben mussten ohne ein letztes zärtliches Wort, einen letzten liebevollen Blick, einen letzten Händedruck“, sagte der Bundespräsident.

          Steinmeier dankte all den Menschen, die sich in Krankenhäusern und Pflegeheimen, in der Seelsorge und in Hospizen bis zuletzt um Sterbende kümmern. Steinmeier hob hervor, dass sie alle ihre Gesundheit riskierten, um für andere da zu sein. Nicht wenige hätten sich bei ihrer Arbeit selbst mit dem Virus angesteckt, einige seien gestorben. „Auch ihnen wollen wir heute Ehre erweisen. Wir verneigen uns mit Respekt vor ihrem selbstlosen Engagement“, sagte der Bundespräsident.

          Steinmeier bekundete auch seine Anteilnahme am Leid der Hinterbliebenen. „Es gibt keine Worte für Ihren Schmerz. Aber wir hören Ihre Klage.“ Viele quälten sich, weil sie sterbenden Angehörigen auf dem letzten Weg nicht beistehen konnten; dass sie sich sogar vorwerfen, ihre Liebsten im Stich gelassen zu haben. Andere belaste es schwer, dass sie ihre Angehörigen nicht so bestatten konnten, wie sie und vor allem der Verstorbene es sich gewünscht hätten. „Rituale des Trauerns geben Halt, spenden Trost und stiften Sinn“, sagte Steinmeier, aber in der Zeit der Pandemie hätten diese Rituale oft nicht wie gewohnt oder gar nicht stattfinden können. „Viele Trauernde haben Bestattungen, die nur im allerkleinsten Kreis stattfinden konnten, als trostlos empfunden.“ Der Bundespräsident sprach über die Befürchtung von Trauernden, dass ohne gemeinsame Erinnerung ihre Toten sang- und klanglos verschwänden, dass sie nicht weiterlebten im Gedächtnis der Familien, des Freundeskreises oder der Nachbarschaft. „Möge der heutige Tag allen Trauernden Anlass geben, über den Verlust sprechen zu können.“

          „Lichtblick in dunkler Zeit“

          Steinmeier rief zum Zusammenhalt in der Gesellschaft auf und warnte, sich in Schuldzuweisungen zu verlieren. „Sammeln wir noch einmal Kraft für den Weg nach vorn, den Weg heraus aus der Pandemie, den wir gehen wollen und gehen werden, wenn wir ihn gemeinsam gehen. Lassen wir nicht zu, dass die Pandemie, die uns schon als Menschen auf Abstand zwingt, uns auch noch als Gesellschaft auseinandertreibt!“ Die Pandemie habe gezeigt, wie viel Gemeinsinn und Mitgefühl in dieser Gesellschaft steckten. Diese Mitmenschlichkeit bezeichnete Steinmeier als „Lichtblick in dunkler Zeit“. „Wir werden von dieser Pandemiezeit gezeichnet sein, aber auch an ihr wachsen. Wir werden die Pandemie hinter uns lassen! Wir werden aufatmen und wieder freier leben! Auf dem Weg dorthin sind wir.“ In Rekordzeit hätten Wissenschaftler Impfstoffe entwickelt, und Tag für Tag erreichten mehr Menschen durch die Impfung das rettende Ufer. „Wir werden uns als Menschen wieder nahe sein, und als Gesellschaft vereint.“

          Weitere Themen

          Der Kirchentag der Erschwernisse

          Abschluss in Frankfurt : Der Kirchentag der Erschwernisse

          Mit einem Abschlussgottesdienst unter regnerischem Himmel endet der Ökumenische Kirchentag in Frankfurt, der pandemiebedingt digital stattfinden musste. Bundespräsident Steinmeier wirbt für den gemeinsamen Kampf gegen Hass und Polarisierungen.

          Freiheit ist kein Privileg

          TV-Kritik: Anne Will : Freiheit ist kein Privileg

          Kaum sinken die Inzidenz-Zahlen, werden die Bürger ermahnt, nicht leichtsinnig zu werden. Muss das wirklich sein? Die Talkrunde bei Anne Will lotet das Verhältnis zwischen Vernunft und Bevormundung aus – zumindest hatte sie das eigentlich vor.

          Topmeldungen

          Brennpunkt Jerusalem: Palästinenser am Tempelberg im Straßenkampf mit israelischen Sicherheitskräften.

          Gewalt in Nahost : Wo Frieden nicht möglich ist

          Der neue Gewaltausbruch in Nahost birgt für Israel Gefahren. Nun stehen sich auch jüdische und arabische Israelis gegenüber. Jerusalems heilige Stätten sind der Kern des Konfilkts.
          Transparente gegen den Verkauf des Hauses und für die Ausübung des Vorkaufsrechts durch den Bezirk in der Anzengruberstraße in Berlin-Neukölln

          Wohnungspolitik : Neukölln wehrt sich

          Immer mehr Mietshäuser werden in Eigentumswohnungen aufgeteilt, vor allem in Großstädten wie Berlin. Ein Bezirk in der Hauptstadt nimmt nun den Kampf gegen ein großes Immobilienunternehmen auf – und betritt damit Neuland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.