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Steinmeier besucht Ahrtal : „Wir vergessen euch nicht“

  • -Aktualisiert am

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Sonntag am Ufer der Ahr in Ahrweiler Bild: dpa

Bei seinem Besuch im Ahrtal erneuert der Bundespräsident sein Hilfsversprechen. Aber unter den Anwohnern kehrt Ernüchterung ein. Der Wiederaufbau dürfte Jahre dauern.

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          Dort, wo die Straße im Süden der Altstadt von Ahrweiler über den Fluss geführt hat, bricht sie heute ab. Die Wassermassen haben die 1893 errichtete Brücke fortgespült, so wie viele weitere entlang der Ahr. Direkt daneben hat das Technische Hilfswerk eine Behelfsbrücke errichtet, so wie andernorts im Tal. Aus Stahl und auf massiven Betonfundamenten, was zeigt, dass diese Provisorien von Dauer sein werden. An der Ahrtorbrücke macht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Sonntag die erste Station eines Besuchs, der beinahe drei Monate nach der Katastrophe im Zeichen des Wiederaufbaus steht.

          Julian Staib
          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Was Steinmeier zu sehen bekommt, verdeutlicht, dass dieser Wiederaufbau Jahre dauern dürfte: Er besucht eine zwar weitgehend blankgeputzte, aber noch schwer von der Katastrophe gezeichnete Stadt. Zusammen mit dem rheinland-pfälzischen Innenminister Roger Lewentz (SPD) und Umweltministerin Anne Spiegel (Grüne) geht er durch die Gassen zum Marktplatz. Nur an wenigen Scheiben sind noch die Spuren des Wassers zu sehen: Eine braune Linie etwa auf Augenhöhe. Die meisten Geschäfte und Gaststätten sind entkernt und stehen leer. An manchen sind Plakate angebracht. „Aufgeben ist keine Option“, steht auf einem. Vielerorts hängen auch Danksagungen an die tausenden Helfer.

          Die sind in der Region weiter im Einsatz, Steinmeier kommt später mit ihnen im „Helfer-Camp“ zusammen. Immer noch kommen werktäglich etwa 400 bis 500 freiwillige Helfer ins Tal, an Wochenende auch mehr. Auch in Ahrweiler prägen die Freiwilligen das Bild. Professionelle Helfer sind kaum mehr zu sehen. Auf dem Marktplatz betreiben Freiwillige gegenüber der Essensausgabe des Roten Kreuzes ein Café, in dem Anwohner in der Sonne sitzen.

          Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Mitte) am Sonntag in Ahrweiler mit dem rheinland-pfälzischen Innenminister Lewentz  (links) und Landesumweltministerin Anne Spiegel (rechts)
          Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Mitte) am Sonntag in Ahrweiler mit dem rheinland-pfälzischen Innenminister Lewentz (links) und Landesumweltministerin Anne Spiegel (rechts) : Bild: Imago

          Im Pfarrhaus nebenan spricht Steinmeier mit zwei Familien, die Angehörige verloren haben. Bei der Flutkatastrophe Mitte Juli kamen 134 Personen ums Leben, mehr als 760 wurden verletzt. In der Region werden die Behörden scharf dafür kritisiert, dass es keine Warnungen gab. Von derlei Vorwürfen sei „wenig zu hören“ gewesen, sagt Steinmeier nach den Treffen. Auch wenn sich viele „natürlich gewünscht hätten, dass Warnungen noch eher gekommen wären“. Dass erst versucht wurde zu warnen, als es dafür schon viel zu spät war, sagt er nicht.

          Steinmeier war bereits Anfang September in der Region. Beim Staatsakt für die Flutopfer am Nürburgring hatte er versichert: „Wir stehen an ihrer Seite. Auf ihren Weg zurück ins Leben lässt Ihr Land Sie nicht allein.“ Daran erinnert er am Sonntag. Das sei ein „Versprechen, das wir einhalten müssen“. Und: „Wir vergessen euch nicht, wir kommen immer wieder“. Bei den Gesprächen habe er „viel Dankbarkeit“ mitbekommen, vor allem angesichts der Hilfe. Hier seien Fremde zu Freunden geworden.

          Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor dem Feuerwehrhaus von Ahrweiler am Sonntag
          Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor dem Feuerwehrhaus von Ahrweiler am Sonntag : Bild: dpa

          Laut Schätzungen wurden im Ahrtal bei der Flut rund 9000 Gebäude beschädigt oder zerstört. Seit zwei Wochen können die Betroffenen Anträge für Gelder aus dem Fluthilfefonds stellen. Etwa 15 Milliarden Euro sind für den Wiederaufbau vorgesehen, Betroffene erhalten 80 Prozent, in Ausnahmefällen sogar 100 Prozent für den Wiederaufbau ihres Hauses. Gleiches gilt für Unternehmen. Bald dürften die Ortschaften entlang der Ahr daher riesigen Baustellen gleichen.

          Noch aber wirken sie teilweise wie ausgestorben: Viele Bewohner sind anderswo untergekommen, haben Zettel mit Telefonnummern an die Türen ihrer Häuser angebracht. Bei jenen, die geblieben sind, herrscht zum Teil große Ernüchterung. Auch drei Monate nach der Katastrophe gibt es vielerorts weder Heizung noch Warmwasser, weiter flussaufwärts auch keinen Strom. Vorletztes Wochenende seien im Ort endlich die Schuttberge weggeräumt und die Straßen geputzt worden – vielleicht ja für Steinmeier, sagen zwei Anwohnerinnen und lachen. Richtig viel Wasser aber komme immer noch nicht aus dem Hahn, sagt eine von ihnen. Und Gas gebe es gar nicht. „Aber all das wird wieder“, sagt sie noch. „Nur ich, mit 81 Jahren, werde das wohl nicht mehr erleben.“

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