https://www.faz.net/-gpf-79snq

Steinbrück und das Hochwasser : Mit Würde und Stil der Flut fernbleiben

Bild: Greser & Lenz

Hochwasser hat schon eine Wahl entschieden. 2002 agierte Gerhard Schröder geschickt und gewann später die Bundestagswahl. Doch Peer Steinbrück hält nichts vom „Gummistiefel-Wettrennen“. Ob das klug ist, daran zweifeln auch Genossen.

          Am Dienstagmorgen um zehn stand Peer Steinbrück im Hörsaal 1a der Freien Universität Berlin. Eine außenpolitische Grundsatzrede war angekündigt. Steinbrück sagte, er empfinde es als Ehre, dort sprechen zu dürfen, wo vor 50 Jahren John F. Kennedy bei seinem Berlin-Besuch gesprochen habe. Doch bevor der SPD-Kanzlerkandidat über Europa, Russland oder China sprach, erinnerte er daran, dass viele Bürger gerade „um ihr Haus, ihr Hab und teilweise in manchen Fällen auch um ihre Gesundheit bangen“.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Steinbrück flocht sogar eine persönliche Note ein. „Als jemand, der übrigens lange mit seiner Familie in einem Haus in der Nähe des Rheins gewohnt hat, habe ich sehr konkrete Vorstellungen und Erfahrungen gemacht, was es heißt, Hochwasser im Haus zu haben und damit zu kämpfen“, sagte er. Steinbrück hatte, bevor er sein Reihenhaus in Bad Godesberg bezog, einige Zeit in einem Haus in Bonn 40 Meter vom Rhein entfernt gewohnt. Da liefen die Keller öfters voll.

          Fröhliche Feier auf dem Wasser

          Steinbrücks Worte zu Beginn seines Auftritts sollten ihn schützen. Hätte man ihm angekreidet, dass er fast eine Stunde über Außenpolitik redete, ohne die Betroffenen des Hochwassers zu erwähnen? Wohl kaum. Aber den Vorwurf, er sei teilnahmslos, wollte der Kandidat erst gar nicht ermöglichen. Am selben Tag wurde die traditionelle, auf dem Wasser stattfindende Spargelfahrt des Seeheimer Kreises, der pragmatischen Sozialdemokraten im Bundestag, denen Steinbrück nahesteht, abgesagt.

          Ein Steinbrück, Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier, die sich auf dem Wannsee zuprosten, während die Kanzlerin durch die Hochwassergebiete stapft - dieses Bild wollte die SPD auf jeden Fall verhindern. „Dass wir vor dem Hintergrund der Bilder, auf denen Menschen inmitten von Wassermassen um ihr Hab und Gut fürchten müssen, eine fröhliche Feier auf dem Wasser abhalten, empfinden wir als der Situation nicht angemessen“, formulierten die Sprecher des Kreises etwas verschwommen.

          Wer regiert, hat im Fall von Naturkatastrophen zunächst die besseren Karten als die Opposition. In den Vereinigten Staaten gaben nach einer Umfrage 42 Prozent der Wähler an, dass das Krisenmanagement von Barack Obama nach dem Hurrikan Sandy ihre Wahlentscheidung beeinflusst habe. Angela Merkel weiß das. Sie schüttelte vergangene Woche viele Hände: von jungen Leuten, Bundeswehrsoldaten, Bürgermeistern oder Landräten. Sie versprach Hilfe, unbürokratisch und schnell, stockte die zunächst zugesagten hundert Millionen Euro noch mal auf.

          Steinbrück beriet sich mit Bürgermeistern

          Zweimal reiste die Kanzlerin mit dem Hubschrauber in die Hochwassergebiete, am Montag nach Bayern, Sachsen und Thüringen, am Donnerstag nach Bitterfeld in Sachsen-Anhalt. „Ganz toll“, sagte sie, wenn darüber berichtet wurde, wie junge Helfer sich über Facebook organisierten. Merkel machte alles richtig, konnte sogar die Diskussion über ihre schwer finanzierbaren Wahlversprechen zurückdrängen.

          Und selbst ein sprachlicher Lapsus wurde ihr nicht angekreidet, als sie, umringt von Kameras, an der Sandsackmauer in Bitterfeld bemerkte, drei Mal hätten die Menschen im Osten Deutschlands in jüngster Zeit ein schweres Schicksal erlitten: zum ersten Mal nach der deutschen Einheit mit all ihren Konsequenzen, zum zweiten bei der Jahrhundertflut 2002 und zum dritten jetzt bei der abermaligen Hochwasserkatastrophe.

          Hätte der Mann, der Kanzler werden will, angesichts der Ausmaße der Katastrophe nicht in den überschwemmten Orten zeigen müssen, dass er sich um die Menschen sorgt? Oder hätte er sich den Spott der Medien zugezogen als verzweifelter Wahlkämpfer, der ins Hochwasser reist, weil ihm politisch das Wasser bis zum Hals steht? In Steinbrücks Mannschaft wurden die Argumente gewogen. Zwar forderten manche Genossen in E-Mails an die Parteizentrale, der Kandidat müsse unbedingt vor den Deichen zu sehen sein.

          Steinbrück selbst, so heißt es, kam recht schnell zu der Überzeugung, dass er beim „Gummistiefel-Wettrennen“ nicht mitmache, da ihm das als purer Wahlkampf angekreidet würde. Er telefonierte mit sozialdemokratischen Oberbürgermeistern der betroffenen Städte und Regionen. Die Gespräche sollen ihn in seiner Einschätzung bestärkt haben, dass es besser sei, dem Hochwasser fern zu bleiben. Auch mit Matthias Platzeck, dem brandenburgischen Ministerpräsidenten, beriet er sich.

          Weitere Themen

          Geerdeter Himmelsstürmer

          Edmund Hillary : Geerdeter Himmelsstürmer

          Die Erstbesteigung des Mount Everest war ein Jahrhundertereignis. Edmund Hillary, dem diese Pionierleistung 1953 zusammen mit Tenzing Norgay gelang, wäre am Samstag 100 Jahre alt geworden. Was bleibt von ihm?

          Syrischer Flüchtling kehrt heim Video-Seite öffnen

          Von Berlin in den Krieg : Syrischer Flüchtling kehrt heim

          2015 kam Mohammed al-Naimi über die Balkanroute nach Deutschland, der junge Syrer baute sich in Deutschland ein neues Leben auf. Doch der Krieg in seiner Heimat ließ ihn nicht los, gegen der Rat seiner Familie kehrte er zurück und schloss sich einer ehemals von Amerika unterstützten Widerstandsgruppe an.

          Topmeldungen

          Feierliches Rekrutengelöbnis und Gedenken an den Widerstand gegen das NS-Regime

          Wegen Sicherheitsbedenken : Bundeswehr weist extremistische Bewerber ab

          Seit den rechtsextremistischen Vorfällen 2017 innerhalb der Truppe durchleuchtet der Militärische Abschirmdienst jeden potentiellen Neusoldat. 63 Bewerber sind seither abgelehnt worden, darunter Neonazis, Islamisten und andere „Gewaltbereite“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.