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Steinbrück und das Hochwasser : Mit Würde und Stil der Flut fernbleiben

Schröder agierte geschickter als Stoiber

Platzeck ist einer von mehreren Sozialdemokraten, deren Aufstieg, Popularität oder Wahlerfolg unmittelbar mit einem Hochwasser verknüpft sind. Als Deichgraf wurde er 1997, damals Umweltminister in Brandenburg, beim Oder-Hochwasser berühmt, tagelang war er im Einsatz. Steinbrück-Freund Helmut Schmidt war Anfang 1962 als Innensenator bei der verheerenden Sturmflut in Hamburg zum Helden der Hansestadt geworden. Steinbrück, damals 15, verteilte zusammen mit Mitschülern Decken an die Bürger, die aus ihren Wohnungen hatten fliehen müssen.

Waren Platzeck und Schmidt noch echte Krisenstabsleiter, so reichte es bei Gerhard Schröder im Jahr 2002 aus, in grüner Regenjacke und Gummistiefeln den virtuellen Retter zu mimen. Schröder sagte alle Wahlkampftermine ab, bildete einen Krisenstab im Kanzleramt, reiste an die Hochwasser-Front, versprach einen „zweiten Aufbau Ost“. Die Flut brachte die Wende in einem Wahlkampf, der über Monate schon für die Union und Schröders Herausforderer Edmund Stoiber als gewonnen galt.

Steinbrück ist aber nicht Schröder. Er ist kein Schulterklopfer, kein Hemdsärmelaufkrempler. Mit spontanen Sympathiebezeugungen tut er sich schwer, Einfühlungsvermögen ist nicht seine Stärke. Seine Ehrenamtstouren als nordrhein-westfälischer Ministerpräsident, von denen er gern berichtet, waren ein Versuch, sich das Image eines Landesvaters zuzulegen. Gelungen sei das nicht, versichern ehemalige Mitarbeiter.

Wahlkämpfe wiederholen sich nicht, heißt es in der SPD. Edmund Stoiber hatte im August 2002 gezögert, seinen Urlaub auf der Nordseeinsel Juist abzubrechen. Er tat es auf Anraten seiner Berater dann doch, pendelte zwischen Urlaubsort und den Hochwassergebieten hin und her. Als Wackelei wurde das empfunden. Zudem hielt er an Steuersenkungen fest, während Schröder angesichts der Milliardenschäden flugs die nächste Stufe der beschlossenen Steuerreform aussetzte, also Steuererhöhungen und auch eine höhere Neuverschuldung hinnahm. In der Stunde der Not ließ sich gegen Schröders patriotische Haltung, es gelte zuallererst den Notleidenden zu helfen, schwer argumentieren.

Zögern war falsch

Noch etwas ist anders: Damals fand das Hochwasser Mitte bis Ende August statt, gut einen Monat vor der Wahl. Jetzt sind es noch hundert Tage, der heiße Wahlkampf hat noch nicht begonnen. Dass Angela Merkel die Kümmerer-Rolle nützt, bestreitet die SPD nicht. Aber der Wahltermin sei noch zu weit weg, als dass das Hochwasser entscheidenden Einfluss haben werde, beruhigen sich die Genossen. Nun bleibe nichts, als mit Würde und Stil das geplante Programm weiterzufahren.

So stellte Steinbrück am Mittwoch weitere Personen seines „Kompetenzteams“ vor: den thüringischen Wirtschaftsminister Matthias Machnig, den Gesundheitsfachmann Karl Lauterbach und die parteilose Bremer Bildungsforscherin Yasemin Karakasoglu. Aufmerksamkeit erregte das wenig. Ganz überzeugt ist man im Wahlkampfstab denn auch nicht, dass die Zurückhaltung beim Thema Hochwasser der richtige Weg ist. Ob Steinbrück sich später, möglicherweise ohne Kameras, doch noch auf den Weg machen wird, sich die Schäden in den betroffenen Gebieten nach dem Ende der Flut anschauen wird, lässt man offen.

Ob der Kanzlerkandidat die politischen Memoiren des früheren Kandidaten der Union gelesen hat? Edmund Stoiber lässt in ihnen keinen Zweifel daran, dass die Flut ihn den Wahlsieg gekostet hat. Stoiber hatte zunächst schriftlich mitteilen lassen, er wolle die Not der Menschen nicht zu Wahlkampfzwecken missbrauchen. Er sei „ein bisschen zu zurückhaltend“ gewesen, schreibt er im Rückblick. „Ich hatte Hemmungen, sofort nach Sachsen zu fahren, weil ich dafür keine rechte Zuständigkeit sah, und ich fürchtete den Vorwurf, aus dem Schicksal der Betroffenen eine parteipolitische Suppe zu kochen“, erinnert sich der CSU-Politiker.

So habe er sich erst später und in der Rolle als Ministerpräsident entschlossen, bayerische Helfer in Sachsen zu besuchen. Stoiber hält dieses Zögern im Nachhinein für einen Fehler: „Ich hätte weniger staatspolitische Skrupel haben und so schnell wie möglich nach Sachsen reisen sollen.“

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