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Debatte um Corona-Regeln : Auf den Intensivstationen wird es wieder voller

Ein Intensivpfleger in Berlin hält die Hand einer Covid-19-Patientin. (Archivbild) Bild: dpa

Inzwischen liegt wieder eine vierstellige Zahl von Covid-19-Patienten auf den hochgerüsteten Stationen. Aber was folgt daraus? Einige Politiker zeigen Sympathien für das Hamburger 2G-Modell.

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          Am Wochenende wurde die symbolische Schwelle von 1000 Patienten wieder überschritten. Zum ersten Mal seit Mitte Juni musste auf den Intensivstationen der deutschen Krankenhäuser wieder eine vierstellige Zahl von Covid-19-Patienten behandelt werden. Nach Angaben des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin kamen binnen eines Tages 56 Betroffene hinzu, die Zahl aller schwerkranken Corona-Patienten stieg demnach auf 1008. Die bundesweite Inzidenz stieg am Sonntag nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) auf 74,1 Fälle pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche; innerhalb eines Tages wurden 8416 neue Ansteckungen aktenkundig. Die Zahlen zeigen, dass trotz der Fortschritte bei der Impfkampagne – etwas mehr als 60 Prozent der Bürger gelten inzwischen als vollständig geimpft – weiterhin ein Zusammenhang zwischen den Infektionszahlen und der Auslastung der Krankenhäuser besteht.

          Kim Björn Becker
          Redakteur in der Politik.

          Dass das Aufkommen der inzwischen dominanten Delta-Variante in dieser Rechnung nicht hilfreich ist, zeigen neue Studienergebnisse. Bislang waren Wissenschaftler davon ausgegangen, dass Delta vor allem ansteckender ist als die zuvor verbreitete Alpha-Variante des Virus. Doch sie ist offenbar auch deutlich gefährlicher. Demnach ist das Risiko für eine Krankenhauseinweisung bei einer Infektion mit der Delta-Variante etwa doppelt so hoch wie bei Alpha. Das haben Forscher der Universität Cambridge und der Behörde Public Health England in einer Untersuchung von mehr als 40.000 Corona-Fällen in England zwischen Ende März und Ende Mai dieses Jahres herausgefunden. Die Ergebnisse, die in der Fachzeitschrift Lancet Infectious Diseases veröffentlicht wurden, sagen vor allem etwas über das Risiko für Ungeimpfte aus. Für vollständig Geimpfte erlauben die Daten keine Rückschlüsse.

          Was folgt daraus für die etwa 33 Millionen Menschen in Deutschland, die derzeit nur einen eingeschränkten oder gar keinen Impfschutz haben? Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach warb am Sonntag für einen wieder deutlich besonneneren Umgang mit dem Virus. Lauterbach lobte das sogenannte 2G-Modell, das Hamburg seit diesem Wochenende erprobt. Es sieht vor, dass Restaurants und Veranstaltungshäuser, die an dem Versuch teilnehmen, nur vollständig Geimpfte oder Genesene einlassen. Ein negativer Test genügt dann nicht, dafür gelten im Innern dann deutlich weniger Vorsichtsmaßnahmen.

          Die Regelung sollte nach Auffassung Lauterbachs überall im Land gelten. „In Clubs, Bars und Restaurants ist die Gefahr groß“, sagte er der F.A.Z. Das gelte für alle Orte, an denen viele Menschen bei unzureichender Belüftung laut miteinander sprechen. Wenn dann eine Person doch ansteckend ist, sei es „fast garantiert“, dass sich auch andere mit dem Virus infizierten. Lauterbach sprach sich dagegen aus, die 2G-Regeln auf den privaten Bereich oder den Arbeitsplatz auszudehnen. Das sei „nicht umsetzbar und nicht kontrollierbar“, sagte er.

          Für das Hamburger 2G-Modell sprach sich am Wochenende auch die Kanzlerkandidatin der Grünen aus. Annalena Baerbock warb dafür, dass Geimpfte und Genesene mehr Freiheiten erhalten sollen als Ungeimpfte. Wenn jemand nicht solidarisch etwa mit Kindern oder chronisch Kranken sei, „dann kann er oder sie nicht erwarten, dass alle anderen auf ihre Freiheit verzichten“, sagte Baerbock den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Sie halte es deswegen für richtig, Geimpften oder Genesenen wieder mehr Freiheiten zu geben, „so wie Hamburg das jetzt macht“. Damit erhöhe man auch den Anreiz, sich impfen zu lassen. Man dürfe nun in der Impfkampagne nicht nachlassen, „gerade auch, um Kinder zu schützen“.

          Der FDP-Gesundheitspolitiker Andrew Ullmann äußerte sich hingegen kritisch zu 2G. „Ich halte sehr viel von den 3G-Regeln“, sagte Ullmann der F.A.Z. Indem man auch negative Tests berücksichtige, könne das Risiko einer Ansteckung minimiert werden. Ohnehin seien Getestete aus wissenschaftlicher Sicht mit Geimpften und Genesenen gleichzusetzen. „Das sollte auch so beibehalten werden.“ Das restriktivere 2G-Modell baue lediglich Druck auf Ungeimpfte aus, was er ablehne. „Wenn die Regierungsparteien die Impfung verlangen, sollen sie sich für die Impfpflicht aussprechen“, sagte Ullmann. Er sei aber gegen eine solche Pflicht.

          Unklar blieb am Sonntag, was aus dem Vorschlag von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird, die 3G-Regeln auch für den Fernverkehr der Deutschen Bahn einzuführen. Regierungssprecher Steffen Seibert hatte am Freitag bestätigt, dass die Bundesregierung im Kampf gegen die Pandemie eine 3G-Regel für Fernzüge prüfe. Es müsse alles getan werden, um die hohen Corona-Fallzahlen einzudämmen, sagte Seibert zur Begründung. Die Bild-Zeitung berichtete am Sonntag, dass es in der großen Koalition Widerstand gebe, dem Vorhaben zu folgen. Demnach sollen sich mehrere Ministerien gegen den Plan ausgesprochen haben. Das mit der Prüfung beauftragte Bundesverkehrsministerium wollte den Bericht am Sonntag nicht kommentieren.

          Unterdessen erarbeitet das Bundesgesundheitsministerium von Jens Spahn (CDU) daran, die Inzidenz als Gradmesser der Pandemie abzulösen. Dass die regionale Belegung der Krankehäuser künftig eine wichtige Rolle spielen soll, ist bereits klar. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, warb am Sonntag dafür, dass die Grenzwerte, von denen an es zu Einschränkungen kommen soll, bundesweit gleich sind. Brysch sagte der Deutschen Presse-Agentur, viele Menschen seien es leid, dass in verschiedenen Regionen bei gleicher Lage unterschiedliche Regelungen gelten. „Deshalb wäre es falsch, die Festlegung einer Leitzahl allein den Kliniken oder den jeweiligen Ländern zu überlassen.“

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