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Stasi-Mitarbeit : Birthler gesteht Fehler - Wallraff wehrt sich

  • Aktualisiert am

Ankläger als Angeklagter: Günter Wallraff Bild: dpa

Die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, hat Fehler ihrer Behörde zugegeben bei der Interpretation der Stasi-Akten über Günter Wallraff, der die Vorwürfe abermals zurückgewiesen hat.

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          Die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, gibt Fehler ihrer Behörde bei der Recherche und der Interpretation der Stasi-Akten über den Publizisten Günter Wallraff zu. Einen seit 1998 bekannten Bericht von 1976 des Mitarbeiters Dornberger der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR habe man schon damals als "IM-Unterlage", also als Dokument der Stasi über einen ihrer inoffiziellen Mitarbeiter (IM) verstehen müssen, sagte sie gegenüber dem "Spiegel".

          Birthler hatte jedoch noch bis Anfang vergangener Woche erklärt, für eine IM-Tätigkeit Wallraffs gebe es „keine hinreichenden Hinweise". Nun heißt es, es lägen Hinweise auf eine aktive Tätigkeit Wallraffs "als IM ,Wagner' für den Zeitraum 1968 bis 1971 vor". Die Kritik Wallraffs, die Presse habe die Unterlagen über ihn früher erhalten als er, wies ein Sprecher der Behörde zurück. Wallraffs Anwalt habe die Akten zeitgleich mit den Journalisten bekommen.

          Wallraff wehrt sich weiter

          Wallraff selbst hat am Montag auf einer Pressekonferenz die jüngsten Stasi-Vorwürfe erneut zurückgewiesen. „Dies hat mit der Wirklichkeit gar nichts zu tun“, sagte Wallraff in Köln zum Vorwurf, er habe als Top-Agent gegolten. Seine Besuche in der DDR hätten ausschließlich Recherchen gedient, zum Beispiel über Nazi-Größen. „Niemals bin ich bei meinen Kontakten zu Offiziellen der DDR irgendwelche Verpflichtungen eingegangen“, sagte Wallraff.

          Birthler hatte erst in der vergangenen Woche ihre bisherige Auskunft über eine Zusammenarbeit des Schriftstellers Günter Wallraff mit dem MfS korrigiert. Sie erhalte die in den vergangenen Jahren von ihrer Behörde getroffene Feststellung, die in ihrem Archiv aufbewahrten Unterlagen enthielten "keine hinreichenden Hinweise auf eine IM-Tätigkeit", nicht länger aufrecht, sagte Frau Birthler am Mittwoch abend in Berlin. Die jetzt in den Rosenholz-Unterlagen und dem elektronischen Posteingangsbuch Sira gefundenen Einträge "belegen, daß Herr Wallraff vom MfS als IM geführt worden ist".

          Wallraff sagte dieser Zeitung: “Die Akte über mich wurde geführt, aber nicht ich wurde geführt. Und ein Führungsoffizier kann einer Akte Gewalt antun. Mir konnte er keine Gewalt antun. Ich bin nicht zu steuern, bin nicht fremdbestimmt. Jeder, der mich kennt, weiß, wie individualistisch ich bin. Ich habe mich nie einer Ideologie oder einem Dogma verschrieben.“

          „Das ist ein gewaltiger Unterschied.“

          In der Birthler-Behörde gebe es mindestens zwei Ansichten, was die Bewertung seiner Akte betreffe. “Man hat es sich dort nicht leicht gemacht.“ Frau Birthler habe nicht gesagt, „Wallraff war aktiver IM“ , sondern sie habe gesagt, „Wallraff wurde als IM geführt.“ „Das ist ein gewaltiger Unterschied. Wenn mir jetzt, der ich mir wegen dieser Kontakte nichts vorzuwerfen habe, eine solche Lawine entgegenschlägt, wie erst dann, wenn das gesamte Rosenholz- und Sira-Material mal an die Öffentlichkeit kommt? Ich hoffe, daß die Republik das aushält und nicht aus den Fugen knallt.“

          Vom November 1967 an wurde Wallraff erst in einem "Objektvorgang" und dann in einem eigenen Vorgang (mit der Registriernummer XV 485/68) als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) des Auslandsgeheimdienstes, der Hauptverwaltung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit, geführt. Sein Deckname war IM "Wagner". In den Unterlagen wird er als "A-Quelle" bezeichnet. A steht für "Abschöpfung" und bedeutet, daß der Mitarbeiter andere Personen für die Stasi abschöpfte. Geführt wurde "Wagner" über Jahre hinweg von Heinz Dornberger, dem Mitarbeiter Nr. 535 der Abteilung X. Im Jahr 1971 wurden die Unterlagen über Wallraff abgelegt. "Hinweise auf eine aktive Tätigkeit als IM ,Wagner' liegen für den Zeitraum 1968 bis 1971 vor", sagt Birthler.

          Sechs Lieferungen des IM "Wagner"

          Mit den Informationen aus den sogenannten Rosenholz-Akten konnten sechs Lieferungen des IM "Wagner" aus dieser Zeit im Posteingangsbuch Sira gefunden werden. Dort wird aufgeführt, daß der IM Informationen über Luftfahrt-Medizin, psychologische Kriegsführung, Schußgeschwindigkeit, über chemische Waffen, über die Bayer AG und die Luftstreitkräfte sowie über den Arbeitnehmerverband Gesamtmetall geliefert hatte - zum Teil wurden die Informationen von der HVA mit der Vertraulichkeitsstufe "VVS 2" belegt und an den Geheimdienst der Sowjetunion weitergegeben.

          Im Jahr 1976 - nach der Ausweisung des Dichters Wolf Biermann aus der DDR - schreibt Dornfelder auf Anforderung der Hauptabteilung XX, die Informationen über alle tatsächlichen und vermeintlichen Freunde und Unterstützer Biermanns sammelte, einen Bericht über Wallraff.

          "Einige brauchbare Ergebnisse"

          Der Bericht enthält einen Lebenslauf und eine Bibliographie der Bücher Wallraffs. Unter "Einschätzung" heißt es, im April 1968 sei Wallraff "direkt angesprochen und zu einer Zusammenarbeit mit dem Nachrichtendienst der DDR geworben" worden. Es seien "einige brauchbare Ergebnisse erzielt" worden, diese hätten jedoch "in keinem Verhältnis" zu den Möglichkeiten des Inoffiziellen Mitarbeiters gestanden: "Ab 1972 konnte die Entwicklung ,Wagners' fast ausschließlich nur noch durch Veröffentlichungen und Berichte dritter Personen beobachtet werden. Die wenigen Treffs reichten für eine umfassende Einschätzung nicht aus (. . .) Berichte aus dem Operationsgebiet über ,Wagner' deuten an, daß er abzurutschen begann." Er werde nun, heißt es, "stärker aus abwehrmäßiger Sicht bearbeitet".

          1971 war ein anderer IM enttarnt worden, mit dem Wallraff sich in Kopenhagen getroffen hatte. Dazu heißt es in Dornfelders Bericht von 1976: "Als ,Wagner' von der Festnahme des ,Friedrich' erfuhr, führte er panikartige Handlungen durch", unter anderem habe er sich einer "Kontaktperson" des MfS gegenüber als MfS-Mitarbeiter offenbart. Noch 1988 legte die HVA über IM "Wagner" einen der nur 2000 überlieferten "Statistikbögen" an, auf denen Angaben über ihr besonders wichtige Mitarbeiter festgehalten wurden. Auch diese Bögen gehören zu den Unterlagen, die kürzlich aus den Vereinigten Staaten zurückkamen. Warum die Stasi Wallraff noch 1988 als IM führte, als er längst politisch von der DDR abgerückt war, ist nicht bekannt.

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