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„Startbahn West“ : Schüsse abseits der Piste

  • -Aktualisiert am

„Polizeiterror gegen wehrlose Umweltschützer”? Bild: picture-alliance / dpa

Am Abend des 2. November 1987 erstarrten selbst die erbittertsten Gegner der Frankfurter „Startbahn West“. Zwei Polizisten wurden erschossen aufgefunden. Bis dahin waren „Sonntagsspaziergänge“ - Sabotage und Straßenschlachten - jährliches Ritual. Thomas Kirn erinnert.

          Jahrelang wurde der Kampf gegen die Startbahn 18 West mit allen Mitteln politischer Propaganda geführt. Am Abend des 2. Novembers 1987 aber erstarrten selbst die erbittertsten Gegner des Flughafenausbaus in Frankfurt, auch Gruppierungen, die ein ungeklärtes Verhältnis zur Gewalt hatten, in Entsetzen und Fassungslosigkeit. Die Medien verbreiteten die Nachricht, dass man die Polizeibeamten Klaus Eichhöfer und Thorsten Schwalm im Wald neben der Piste erschossen aufgefunden habe.

          Zwei weitere Beamte lagen schwerverletzt im Krankenhaus. Sachbeschädigung, Körperverletzung und Landfriedensbruch waren stets auch von gemäßigten Gegnern billigend in Kauf genommen worden. Doch niemand wollte etwas mit den Gewaltverbrechen an der Startbahn zu tun haben. Auf einem Flugblatt der Göttinger „Autonomen“ hieß es: „Im Moment irgendwelche Bullen abzuknallen kann unsere Sache nicht sein.“

          Wöchentliches Ritual: Der „Sonntagsspaziergang“

          Die Schüsse fielen am Abend eines der „Gedenktage“ im Kalender der Anti-Startbahn-Bewegung: Am 2. November 1981 hatte ein Großaufgebot der Polizei ein im Wald nahe der geplanten Großbaustelle gelegenes Hüttendorf geräumt. Die Polizisten setzten nach der vergeblichen Aufforderung an die Menge, einfach nach Hause zu gehen, Schlagstöcke und Tränengas ein, es gab Verletzte. Jährlich gedachten die Startbahngegner dieses Ereignisses, das aus ihrer Sicht „Polizeiterror gegen wehrlose Umweltschützer“ war.

          Startbahn West: Ein Symbol für den Widerstand

          Bis zu jenem Abend, an dem der später zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilte Andreas E. eine Waffe, die er Jahre zuvor einem Polizeibeamten gestohlen hatte, gegen die Polizisten einsetzte, gehörten Ansammlungen von Startbahngegnern zum wöchentlichen Ritual. Um die Baustelle zu schützen, war ein Betonzaun errichtet worden, der regelmäßig Ziel brechstangenbewehrter Männer wurde, während Frauen aus der Bewegung, die „Küchenbrigade“, Kaffee kochten und aus den benachbarten Orten Walldorf und Mörfelden selbstgebackenen Kuchen für die Aktivisten mitbrachten. „Sonntagsspaziergang“ hieß das im Startbahngegnerjargon - unzählige Polizisten und Demonstranten wurden dabei verletzt.

          Gegen die Vorbereitung auf einen „dritten Weltkrieg“

          Unterstützt wurde die Protestbewegung von Linken, Autonomen, Kommunisten und Umweltaktivisten. Zum einen hieß es, es gelte einen nie wiedergutzumachenden Umweltschaden zu verhindern. Zum anderen richtete sich der Protest gegen die Amerikaner, denen unterstellt wurde, sie betrieben mit der Erweiterung des Zivilflughafens die Vorbereitung ihrer Luftwaffe auf einen „dritten Weltkrieg“.

          Frieden und Umweltschutz waren auch die Hauptthemen des prominentesten Frankfurter Startbahngegners, des Magistratsdirektors Alexander Schubart. Zwei Wochen nach der Räumung des Hüttendorfs hatte er 220.000 Unterschriften in Wiesbaden vor das Landtagsgebäude gebracht, mit denen - letztlich vergeblich - ein Volksbegehren zur Startbahn durchgesetzt werden sollte. Mit der Behauptung, der Flughafenausbau diene nicht einer sowieso rückläufigen Zivilluftfahrt, sondern allein militärischen Zwecken, rief er zu einer Großdemonstration auf dem Gelände auf: „Wir wollen doch einmal sehen, ob dieser Flughafen wirklich so klein ist!“

          Stundenlange Straßenschlachten

          Protestierer blockierten den Flughafen und die Autobahn, sabotierten die Signalanlagen der S-Bahn und lieferten sich stundenlange Straßenschlachten mit der Polizei. Schubart, der den Krawallen ferngeblieben war, wurde gerichtlich belangt und nach einem langen Verfahren durch alle Instanzen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

          Das Strafverfahren wegen der tödlichen Schüsse an der Startbahn übernahm die Bundesanwaltschaft. Der Prozess vor dem Staatsschutzsenat des Frankfurter Oberlandesgerichts (OLG) begann im Februar 1989 und war der erklärte Versuch der Anklagebehörde, nicht nur zwei des Mordes beschuldigte Männer zu überführen, sondern auch ein kriminelles Geflecht in der Startbahngegnerszene aufzudecken. Wegen gemeingefährlicher Anschläge auf Stromleitungen und anderer Delikte fanden sich weitere sieben Männer und Frauen auf der Anklagebank.

          Einzeltäter, radikaler Sonderling?

          Das OLG arbeitete die Sachbeschädigungsdelikte zuerst ab und wandte sich schließlich den beiden Hauptangeklagten zu. Der Tatnachweis gelang bei Frank H. nicht, er wurde wegen Anschlägen auf die Stromversorgung zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, die durch die Untersuchungshaft schon verbüßt war. Andreas E., der nach Feststellungen des Urteils 14-mal geschossen hatte, wurde wegen vollendeten Totschlags in zwei Fällen und versuchten Totschlags zu 15 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

          Die Taten stellten sich dem Gericht nicht als Morde oder Mordversuche dar, weil der Angeklagte weder aus niedrigen Beweggründen noch heimtückisch gehandelt habe. Diese Einschätzung teilte der Bundesgerichtshof, gleichwohl blieb sie umstritten. Generalbundesanwalt Alexander von Stahl kritisierte 1993 die letztinstanzliche Entscheidung und sagte, wer sich aus politischen Gründen zum Herrn über Leben und Tod mache, handele aus niedrigen Beweggründen.

          E. erschien der Justiz und in der umfänglichen Startbahnliteratur als Einzeltäter, als radikaler Sonderling. Doch mindestens die Verfasser des Wandspruchs „Schwerter zum Flughafen“ dachten wohl ähnlich; auch jene, die mit dem Slogan „Kein Millimeter für den Staat, nur neun Millimeter“ auf das Kaliber der Pistole anspielten, die E. benutzt hatte.

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