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Startbahn West : Die Waldbürger

Vor dem startenden Flugzeug ist die Betonmauer zu sehen, an der die „bürgerkriegsähnlichen” Demonstrationen stattfanden Bild: Frank Röth

„Wenn die Bäume fallen, stehen die Menschen auf“ haben die Demonstranten gesungen und die Startbahn West in Frankfurt doch nicht verhindern können. Vom Beginn und Zerfall einer Bürgerbewegung.

          Wenn Wilma Frühwacht-Treber, Bioweinhändlerin aus Mörfelden mit resolutem Auftreten und grellrot gefärbtem Haar, die Bilder der Proteste gegen „Stuttgart 21“ sieht, dann, sagt sie, „ist alles plötzlich wieder ganz nah“. Alles, das sind die schönen und die schrecklichen Erinnerungen an die Zeit, als sie und ihr Mann Dirk Treber anfingen, „in den Wald zu gehen“. Mit ihnen kamen fast alle Bürger aus Mörfelden und Walldorf, zwei hessischen Arbeiterstädtchen, die in den siebziger Jahren zu einer Gemeinde mit Bindestrich fusioniert wurden. Zuerst unregelmäßig, später fast jeden Tag, oft auch über Nacht.

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Der Wald durfte nicht alleine bleiben, fanden die Bürger. Er musste verteidigt werden gegen die Maschinen, die dort, wo die Bäume damals noch standen, eine Betonpiste bauen wollten, von der aus noch mehr Flugzeuge noch dichter über ihre Köpfe hinwegfliegen sollten: die „Startbahn 18 West“. Vor allem aber musste der Wald verteidigt werden gegen die Politiker, die in Wiesbaden Entscheidungen trafen, ohne sie, die Bürger, einzubeziehen. So sahen es zumindest die Bürger.

          Es war viel Wut dabei, sagt Dirk Treber, Wut über die eigene Ohnmacht. Treber wirkt wie das ruhige Gegenstück zu seiner Frau, ein freundlicher Diplomsoziologe und ehemaliger Politiker der Grünen mit getönten Brillengläsern und ergrautem Haar, der seit seiner Geburt vor 59 Jahren in Mörfelden lebt. Die große Gemeinsamkeit zwischen Stuttgart und Frankfurt, sagt er, sei die Breite der Bewegung: Damals wie heute habe sie vom Arzt über den Handwerker bis zur Hausfrau und zum Studenten gereicht.

          Der knüppelschwingende hessische Wappenlöwe an der Betonmauer an der Startbahn West

          Der große Unterschied aber sei die Form der Auseinandersetzung, die Eskalation der Gewalt. Zahlreiche Menschen werden bei den Kämpfe um die Startbahn West schwer verletzt. Am 2. November 1987, drei Jahre nach der Eröffnung der Startbahn, werden zwei Polizisten auf einer Gedenkveranstaltung für die Räumung des Hüttendorfes aus der Menge heraus erschossen.

          Am Anfang gilt der Flughafen noch als Tor zur Welt

          Dabei fängt alles ganz harmlos an. In den sechziger Jahren ist man in der Region noch stolz auf den Flughafen, auf das Tor zur Welt, das Fortschritt verheißt. Poststempel werben mit dem Satz: „Walldorf – Stadt am Rhein-Main-Flughafen“. Der Flughafen wächst und wächst, schnell ist er der größte in Deutschland, der zweitgrößte Europas. Die zwei Start- und Landebahnen in Ost-West-Richtung reichen bald nicht mehr aus, 1962 wird entschieden, eine weitere Startbahn am westlichen Ende des Flughafens in Richtung Süden zu bauen. Der Mörfeldener Pfarrer Kurt Oeser ist einer der ersten, der dagegen Flugblätter verfasst. Er bittet seine Konfirmanden um Hilfe beim Verteilen. Dirk Treber meldet sich sofort.

          In den folgenden Jahren verfängt sich das Projekt im behördlichen Dickicht von Planfeststellungsbeschlüssen und mehreren Hundert Anfechtungsklagen hessischer Bürger und Gemeinden. Die Öffentlichkeit nimmt kaum mehr Notiz von dem Protest. Erst als Ende der siebziger Jahre das Land Hessen einige Hundert Hektar Wald an den Flughafen verkauft, wachen die Mörfeldener auf. Ihr Wald scheint in Gefahr. Ein lichter Mischwald, Feuchtbiotop und Naturschutzgebiet, in dem große Damwildherden leben.

          Jede Woche kommen mehr Menschen mit in den Wald

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