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Stammtischparolen : „Rechtspopulismus hat psychologische Ursachen“

  • -Aktualisiert am

Kögida-Demonstranten 2015 in Köln: „Wenn keiner widerspricht, okkupieren die Stammtischparolen den öffentlichen Raum.“ Bild: dpa

Ein Onkel regt sich auf der Familienfeier über kriminelle Ausländer auf. Was tun? Klaus-Peter Hufer ist Fachmann für Stammtischparolen. Im FAZ.NET-Interview gibt er Tipps und erklärt, wie das Weltbild von Rechtspopulisten entsteht.

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          Herr Hufer, Sie sind Experte für Stammtischparolen und geben Seminare, wie man auf diese reagiert. Ich würde Ihnen gerne solche Parolen nennen und Sie sagen mir, wie man reagieren kann.

          Gerne, lassen Sie uns das machen.

          „Andere Parteien wollen Zuwanderung nur, damit die Deutschen in einem großen europäischen Brei aufgehen.“ (Armin Paul Hampel, AfD-Chef in Niedersachsen)

          Erst einmal für den Hintergrund: Rechtspopulistische Einstellungen verbindet, dass sie auf Politikverachtung basieren. Es handelt sich also um die Verschwörungstheorie, dass deutsche Parteien das Volk zerstören wollen. Gleichzeitig steckt eine ganz verhängnisvolle Metapher darin. Es ist eine Form der Entmenschlichung – aus Menschen wird eine klebrige Masse, ein Brei. Hier kommt unverhohlene Inhumanität zum Ausdruck.

          Muss ich mir das alles bewusst machen, um darauf reagieren zu können?

          Nein, hinterfragen Sie: Woher weißt Du das? Wie kommst du zu dieser generalisierenden Aussage, dass die unterschiedlichen europäischen Parteien so etwas machen wollen? Nenne Belege, werde konkret, nenne Fakten, nenne Daten und bleibe nicht bei diesen Allgemeinplätzen.

          Nächste Aussage: „Heute sind wir tolerant und morgen fremd im eigenen Land“ (Wahlslogan der NPD, den auch AfD-Politiker verwendet haben)

          Fremdenfeindlichkeit ist ein anderes, typisches Kriterium solcher Argumentationen. Was heißt das überhaupt: „Fremd im eigenen Land?“ Letztendlich sind wir schon immer über die Jahrhunderte hinweg auch eine Einwanderungsgesellschaft gewesen. Es gibt Zahlen, dass ungefähr fünfzig Prozent aller Deutschen letztendlich in irgendwelchen Verästelungen so was wie einen Migrationshintergrund haben. Das ist eine Aussage, die sich auf nichts stützt, sondern nur eine apokalyptische Behauptung ist.

          „Ich will das auf keinen Fall herunter spielen, aber es ist doch klar, dass ein Gutteil dieser angeblichen Brandanschläge von den Flüchtlingen selbst kommt, meist aus Unkenntnis der Technik. Mal ehrlich, viele von ihnen dürften es gewohnt sein, in ihren Heimatländern daheim Feuer zu machen.“ (Armin Paul Hampel, AfD-Chef in Niedersachsen)

          Das ist absoluter Unsinn. Die Kriminalstatistik sagt eindeutig, dass die Brandanschläge zu 99 Prozent von „besorgten Bürgern“ oder von Rechtsextremisten verübt werden. Das ist auch wieder eine dieser pauschalen, irrwitzigen Behauptungen, zu denen es keinen Beleg, keine Hinweise gibt. Hier wieder konkret nachfragen: Nenne Belege, nenne Fakten, nenne Zahlen. Wie kommst Du denn eigentlich dazu, die Menschen, die hierher geflohen sind, unter Generalverdacht zu stellen?

          Klaus-Peter Hufer ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen.

          Machen Sie es sich da nicht zu leicht?

          Es geht um das Grundmuster solcher Parolen: Immer sind geheimnisvolle Kräfte am Werk – „die Ausländer“, „die Rot-Grünen“. Es entsteht der Eindruck, es sei eine Verschwörung im Gange, die das Ziel hat, die Tradition, die Kultur, die Werte und letztlich die Bundesrepublik zu zerstören. So ein Weltbild hält kritischen Nachfragen nicht stand, weil es keine konkreten Anhaltspunkte dafür gibt. Und: Hier geht es nicht in erster Linie darum, diejenigen zu erreichen, deren Vorurteile schon zementiert sind. Es gibt auch noch die unentschiedenen Beisitzer, die abwarten. Und denen muss man mit Argumenten begegnen.

          Wie viel bringt es überhaupt, die Stammtischparolen zu diskutieren?

          Wer solche Positionen vertritt, verfügt über ein entsprechend autoritäres und abgeschottetes Weltbild. Im Kern hat Rechtspopulismus psychologische Ursachen. Manche Menschen sind mit Einstellungen und Meinungen überfordert, die von ihren eigenen abweichen. Dafür ist eine vorurteilsbeladene Einstellung Voraussetzung, und diese Vorurteile sind in erster Linie dazu da, um sich bestätigt zu sehen. Es ist schwierig, jemanden zu überzeugen, aber die langfristige Wirkung ist nicht ausgeschlossen. Gespräche können, das ist wissenschaftlich bewiesen, weit über ihr Ende hinaus eine Wirkung haben. Außerdem können unentschiedene Beisitzer vielleicht noch überzeugt werden.

          Es gibt die Annahme, die Zunahme von Stammtischparolen in der Gesellschaft hänge mit dem Erfolg sozialer Medien zusammen. Wie funktioniert das?

          Das Internet spielt eine ganz massive Rolle. Das Internet gibt den Schutz der Anonymität, es gibt spontane Möglichkeiten, es erweckt den Eindruck, mit einigen wenigen Klicks könnte man eine große Wirkung erzeugen und vor allen Dingen: Im Internet ist die Distanz, die es unter Umständen noch im Vis-A-Vis-Gespräch gibt, nicht mehr vorhanden. Stattdessen wird unverhohlen anonym reingehauen und es macht sich eine ganz deutlich erkennbare Brutalisierung des Umgangs breit. Das ist aber kein isoliertes Phänomen, das sich auf rechtsextremistische oder rechtspopulistische Äußerungen beschränkt, sondern scheint auch ein gesamtgesellschaftliches Problem zu sein.

          Wer ist anfällig für Stammtischparolen?

          Es gibt eigentlich keine Gruppe, die nicht anfällig ist. Wenn man die neuen Studien betrachtet, kommt das aus der Mitte der Gesellschaft heraus. Deshalb ist es auch so wichtig, dass sich jeder Einzelne dagegen einsetzt. Wenn keiner widerspricht, okkupieren die Stammtischparolen den öffentlichen Raum.

          Der Gesprächspartner

          Klaus-Peter Hufer ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem politische Erwachsenenbildung und Bildung gegen Rechtsextremismus. Er ist Autor des Buchs „Argumentationstraining gegen Stammtischparolen“ und gibt zu diesem Thema auch Seminare.

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