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Machtlos in Görlitz : Stärkt der Stellenabbau bei Siemens die radikalen Kräfte?

  • -Aktualisiert am

Enttäuschung und Protest: Siemensarbeiter nach Bekanntgabe der Werksschließung in Görlitz Bild: dpa

Eine Katastrophe für die Stadt und die Region: Siemens will fast 7000 Menschen entlassen. Die Einwohner von Görlitz trifft das besonders hart – die Arbeitslosigkeit könnte sich verdoppeln.

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          Die schlimmsten Ahnungen hatten sich bereits seit Wochen in Görlitz verbreitet, doch als dann am Donnerstagabend offiziell die Nachricht vom Aus des örtlichen Siemens-Werkes durchdrang, waren die Mitarbeiter fassungslos. Spontan zogen 300 von ihnen zu einer Protestkundgebung vor das Werkstor in der Innenstadt, einige rollten große grüne und rote Fässer auf die Straße und machten darauf Höllenlärm, der sich aus Wut, Ohnmacht aber auch Protest speiste. Die Enttäuschung sei natürlich riesengroß, aber man sei entschlossen, zu kämpfen, so der Tenor.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Am Morgen danach zieht sich über Görlitz Nieselregen, im Werk selbst geht scheinbar der Normalbetrieb weiter, große Lkw fahren auf das und vom Betriebsgelände. Doch an reguläre Arbeit ist hier erst einmal nicht zu denken, sagt Jan Otto, Sprecher der IG Metall Ostsachsen, er ist vor das Werkstor gekommen. Drinnen hätten sich die Mitarbeiter versammelt und würden nun per Videoschalte aus München auch offiziell über die Pläne des Konzerns informiert. Die Vertreter der Münchner Zentrale brachten es nicht fertig, sich persönlich den Mitarbeitern in Görlitz zu stellen. Auch das mache hier viele wütend, sagt Otto, genauso wie der ursprüngliche Weg der Verkündung: per Pressemitteilung.

          Eine Katastrophe für die Stadt und die Region

          Darin ist von einem „so noch nie dagewesenen Umbruch“ in der Energieerzeugung und von daraus folgenden „notwendigen Einschnitten“ die Rede. Weltweite Überkapazitäten und Preisdruck in der Kraftwerkstechnologie, bei Generatoren und großen Elektro-Motoren machten das Geschäft schwer; Siemens habe deshalb beschlossen, sich von fast 7000 Mitarbeitern zu trennen, die Hälfte davon in Deutschland. Dort wiederum sollen die meisten Arbeitsplätze im Osten wegfallen: Die Werke in Görlitz und Leipzig sollen geschlossen, das Werk Erfurt verkauft und das in Berlin abgespeckt werden. Im Westen werden die Werke Offenbach und Erlangen zusammengelegt und Mühlheim verkleinert.

          Stellenabbau bei Großkonzern : Siemens-Mitarbeiter wollen kämpfen

          „Sehr traurig ist das“, sagt ein ehemaliger Siemens-Mitarbeiter, der am Freitag zur Unterstützung seiner einstigen Kollegen gekommen ist. Schon in den vergangenen Jahren seien hier immer wieder Jobs abgebaut worden, berichtet er. Siemens ist eines von nur zwei großen Unternehmen in der Stadt, das andere, der Waggonbauer Bombardier, steht auch auf der Kippe; nach großen Protesten im Frühjahr ist die Entscheidung dort erst einmal verschoben. „Wenn nur eins davon wegbricht, ist das eine Katastrophe für die Stadt und die Region“, sagt der Mann.

          Das Wort Katastrophe wird noch häufiger zu hören sein. „Die Entscheidung ist auch eine Katastrophe für unseren Mittelstand, für die Zulieferer, für den Handel und viele weitere Bereiche des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens für uns hier vor Ort“, sagt etwa der Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege und kündigt an: „Unsere Stadt wird bei diesem Ausverkauf, der vor allem unsere jungen Familien betrifft, nicht kampflos zuschauen.“

          Wellen der Deindustrialisierung

          In Görlitz geht es um 950 Arbeitsplätze. Das mag im Vergleich zu den erheblich größeren westdeutschen Standorten wenig klingen, aber es ist das größte Siemens-Werk im Osten und zugleich so etwas wie eine Lebensversicherung für Deutschlands östlichste Stadt. Die Dimension der Entscheidung verdeutlicht ein simple Rechnung der IG Metall: Sollte das Werk schließen, stiege die Arbeitslosenquote in der Stadt von zwölf auf 24 Prozent.

          Görlitz hatte nach 1990 bereits eine Welle der Deindustrialisierung hinter sich, große Arbeitgeber wie ein Kondensatorenwerk und die Feinoptischen Werke gingen pleite, kurz darauf machten auch das Braunkohlenkraftwerk und der Tagebau im benachbarten Hagenwerder dicht. Zehntausende Menschen wurden arbeitslos, mehr als ein Viertel der damals knapp 80.000 Einwohner verließ die Stadt. Nur der Waggonbau und das Turbinenwerk blieben in nennenswerter Größe erhalten, freilich mit deutlich verringerter Mitarbeiterzahl.

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