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Stadtfest-Absage : Chemnitz gibt sich auf

Die Stadt will nicht, dass sich die Bilder vom vergangenen Sommer wiederholen. Bild: dpa

Die Absage des Chemnitzer Stadtfestes zeigt, dass der Mob es am Ende tatsächlich schaffen könnte, die öffentliche Meinung in der Stadt und über sie zu bestimmen. Das darf nicht sein.

          Das Stadtfest in Chemnitz ist für dieses Jahr abgesagt. Eine falsche Entscheidung. Sicher lässt sich auf ein beliebiges Stadtfest auch mal verzichten, aber das in Chemnitz ist im vergangenen Jahr zu einem Symbol geworden. Deshalb muss der Verzicht als ein Eingeständnis des Scheiterns gesehen werden; die Zivilgesellschaft versagt.

          Im vergangenen Jahr wurde ein Chemnitzer durch Messerstiche getötet, der mutmaßliche Täter steht gerade vor Gericht. Weil es ein Flüchtling ist, kam es in der Stadt in den Tagen nach der Tat zu Aufmärschen von rechten und linken Gruppierungen aus ganz Deutschland, Chemnitz fand nicht mehr aus den Schlagzeilen. Das Stadtfest hatte damit eigentlich gar nichts zu tun. Es war nur so, dass die Stadt innerhalb weniger Stunden aus der heiteren Stimmung eines ganz normalen Festes in einen Belagerungszustand geriet. Das war zu arg und hat das Bild von der Stadt schwer beschädigt.

          Wer Chemnitz vorher schon kannte, kannte eine aufblühende sächsische Großstadt, die das DDR-Erbe – als Karl-Marx-Stadt – hinter sich gelassen hat und wieder anknüpft an ihre eigentliche Geschichte eines bedeutenden Industriestandorts. Ziel der Chemnitzer ist es, 2025 europäische Kulturhauptstadt zu sein – sehr zu Recht. Überall in Deutschland bekannt wurde die Stadt aber erst durch die Zwischenfälle Ende August mit all ihren irren Folgen – bis hin zur politischen Krise um den damaligen Verfassungsschutzpräsidenten Maaßen in Berlin.

          Eine normale Stadt mit Vorzügen und Nöten

          Seitdem wird Chemnitz den Ruf nicht los, eine rechtsradikale, ja braune Hochburg zu sein. Als vor ein paar Tagen Hunderte Rechtsextreme aus ganz Europa zu der Beisetzung eines bekannten Chemnitzer Hooligans kamen, schien sich der Eindruck auch noch zu festigen. Die Chemnitzer Hooligan-Szene gilt als gewaltbereit, sie ist tatsächlich ein Problem für die Stadt. Aber ohne die Ereignisse im vergangenen Jahr wäre der Aufmarsch jüngst nicht so groß geworden. Denn auch für diese Szene ist das, was damals geschah, zum Symbol geworden. Genau wie für die AfD oder die linksradikale Szene.

          Die Stadtfest-Absage zeigt, dass der Mob es am Ende tatsächlich schaffen könnte, die öffentliche Meinung in und über Chemnitz zu bestimmen. Das darf nicht sein. Das entspricht auch nicht dem Chemnitzer Lebensgefühl, im Gegenteil. Ganz unglücklich sind schließlich auch der Zeitpunkt und die Begründung für die Absage. Sie kam, als die Hooligans marschierten und der Prozess gegen den mutmaßlichen Messerstecher gerade begann. Die Begründung lautet, die Marke „Chemnitzer Stadtfest“ sei stark beschädigt worden. Hinzu kämen unkalkulierbare Risiken, vor allem wegen der Sicherheitslage.

          Zwar sind die Argumente des Fest-Betreibers, einer städtischen Gesellschaft, durchaus zu verstehen. Aber gerade weil das Fest inzwischen so aufgeladen ist, wäre es richtig, wenn die Stadt, die Bürgergesellschaft, vielleicht auch das Land hier zusammenstehen und nicht einfach aufgeben würden. Das ist wichtig nicht nur für Chemnitz selbst. Denn der wieder und wieder bestärkte Eindruck, der Osten sei außer Rand und Band, ist Unfug und wird politisch ausgenutzt, erst recht in einem so wichtigen Ost-Wahljahr. Chemnitz ist kein Nest des Bösen, so wenig wie der ganze Osten. Chemnitz ist eine normale Stadt wie viele andere in Deutschland auch, ein lebenswerter Ort mit Vorzügen und Nöten. Jetzt vertut die Stadt eine Chance, sich auf sich selbst zu besinnen und denen entgegenzutreten, die den Ruf derart beschädigt haben.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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