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Mordfall Susanna F. : „An Abscheulichkeit kaum zu überbieten“

  • -Aktualisiert am

Der Angeklagte Ali B. am Dienstag im Verhandlungssaal Bild: AFP

Der Angeklagte Ali B. habe die vierzehn Jahre alte Susanna „bewusst getötet, weggeworfen, verscharrt“, befindet die Staatsanwaltschaft. Daher soll eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren Haft ausgeschlossen werden.

          Im Prozess um den Tod der 14 Jahre alten Susanna F. hat die Staatsanwaltschaft eine lebenslange Haftstrafe für den Angeklagten Iraker Ali B. gefordert. Zudem soll das Gericht eine besondere Schwere der Schuld feststellen. Das würde eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren Haft ausschließen. Merkmale des Mordes seien die Verdeckung der Vergewaltigung sowie Heimtücke, sagte Staatsanwältin Sabine Kolb-Schlotter am Dienstag vor dem Landgericht Wiesbaden. Zudem beantragte die Staatsanwaltschaft, das Gericht solle sich eine Sicherungsverwahrung vorbehalten. Sollte das Gericht dem folgen, müsste zu einem späteren Zeitpunkt geprüft werden, ob B. nach Verbüßen der Strafe in Sicherungsverwahrung kommt.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Der Angeklagte Ali B. habe die vierzehn Jahre alte Susanna „bewusst getötet, weggeworfen, verscharrt“. Er habe das Leben eines Menschen ausgelöscht, weil es für ihn keinen Wert hatte und ein Verbrechen begangen, das „an Abscheulichkeit kaum zu überbieten“ sei, sagte Kolb-Schlotter. Das Maß an Schuld gehe weit über das hinaus, was für Ali B. rechtlich angeführt werden könne.

          Etwa vier Monate lang hatte das Gericht zuvor verhandelt. Befragt hatte es Freundinnen der Getöteten, deren Mutter, Geschwister von B., einen Mithäftling, Fahnder und diverse Gutachter. Vor Gericht zeichnete sich das Bild eines kalten, egozentrischen jungen Mannes ab, der Alkohol trank und Drogen nahm, mehrere Freundinnen gleichzeitig hatte und von diesen Jungfräulichkeit forderte, der Frauen schlug und als „Schlampen“ beschimpfte, und der über Deutschland laut einer Zeugin gesagt haben soll: „Die Regeln sind hier zu streng. Aber ansonsten kann man hier leben.“ 

          Fest stand dabei von vorneherein: Ali B. ist schuldig. Er hat die 14 Jahre alte Susanna F. im Mai 2018 ermordet. Die Tat gestand er bereits bei seiner Vernehmung im Sommer vergangenen Jahres und abermals zu Prozessbeginn in diesem Frühjahr. Die Vergewaltigung aber bestritt er und sprach von einvernehmlichem Sex. Die Staatsanwaltschaft hat insgesamt drei Anklagen gegen Ali B. erhoben: Im nun zu Ende gehenden Prozess verband sie die Anklage wegen der mutmaßlichen Vergewaltigung und Ermordung mit jener wegen Raubes, Bedrohung und gefährlicher Körperverletzung bei einem Raubüberfall in Wiesbaden. In einem gesonderten Prozess ist B. vor der Jugendkammer des Gerichts zusammen mit einem Vierzehnjährigen angeklagt, eine damals Elfjährige vergewaltigt zu haben.

          Mitte Mai 2018 soll er die erst 14 Jahre alte Susanna F. bedroht, vergewaltigt, ermordet und verscharrt haben. Zwei Wochen später wurde die Leiche in Wiesbaden-Erbenheim neben den Bahngleisen im Dickicht in einem Erdloch gefunden. Sie wies Wunden auf, doch eine Vergewaltigung lässt sich kaum zweifelsfrei belegen. Der Iraker war zu der Tatzeit 21 Jahre alt, heute ist er 22, gilt also nicht mehr als Heranwachsender. Seine Einstellungen seien nicht kulturell bedingt, sondern Ausdruck einer „dissozialen Persönlichkeit“, sagte die Staatsanwältin. Es handele sich nicht um die Tat eines traumatisierten Flüchtlings, sondern um diejenige eines Schwerstgestörten.

          Die Mutter der getöteten Susanna F.

          Regungslos vernahm B. am Dienstag die Plädoyers. Ebenso hatte er bisher den übrigen Prozessverlauf verfolgt. Ein schmächtiger junger Mann mit Tattoos am Arm, manchmal Trotz im Blick, nie Betroffenheit. Auch nicht auf den im Gericht gezeigten Aufnahmen seiner Vernehmung aus dem Sommer vergangenen Jahres. Da habe er die Tötung geschildert „als würde er die Zubereitung einer Spargelsuppe beschreiben“, so die Staatsanwältin.

          Im Prozess attestierte ihm eine Gutachterin eine schwere Persönlichkeitsstörung: Ali B. sei nur auf seine eigenen Bedürfnisse konzentriert und manipuliere dafür auch andere Menschen, leide unter einer dissozialen Störung. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft kann das aber nicht strafmindernd sein.

          Die Verteidigung verzichtete am Dienstag auf einen Strafantrag. Im Schlussvortrag verwies einer der beiden Verteidiger darauf, dass B. die Tötung gestanden sowie Reue gezeigt habe.

          Am Mittwoch kommender Woche will die zuständige Kammer das Urteil fällen. Die Mutter von Susanna F., die vor Gericht als Nebenklägerin auftrat, folgte am Dienstag den Ausführungen der Staatsanwaltschaft unter Tränen und äußerte später: „Ich habe bereits lebenslänglich bekommen, obwohl ich keine Schuld trage.“ Für den Angeklagten gebe es keine gerechte Strafe.

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