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Kein Individualsport im Verein : Sportverbände laufen Sturm gegen hessische Corona-Regeln

Sport in Zeiten von Corona: Ein Golfspieler in Hamburg im Mai, im Vordergrund gelbes Flatterband. Bild: dpa

Als bislang einziges Bundesland verbietet Hessen den Breitensport komplett. Das ist ein Problem für alle, die ihren Sport nicht einfach so im Park ausüben können. Tennisspieler und Golfer wollen dagegen vor Gericht ziehen.

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          Einen Golfspieler zu kränken, ist im Grunde ganz leicht. Man muss ihm nur vorhalten, es sei kein richtiger Sport, den er da ausübe. Sondern vielmehr ein ausgedehnter Spaziergang. Kein Golfer, der etwas auf sich hält, würde das so stehen lassen. Er würde entgegnen, dass der Schwung alles andere als einfach sei. Dass es dazu Schnellkraft brauche und Geschick. Und für eine ganze Runde, die sich über bis zu fünf Stunden ziehen kann, auch eine recht robuste Kondition.

          Kim Björn Becker
          Redakteur in der Politik.

          Wenn ausgerechnet der Präsident des hessischen Golfverbands seinen Sport jetzt mit dem Flanieren gleichsetzt, muss es um etwas Gravierendes gehen. Gutmann Habig sagt: „Golfen ist im Grunde nichts anderes als Spazierengehen.“ Es komme bloß hinzu, dass man nach bestimmten Regeln möglichst selten nach dem Ball schlagen soll.

          Habig verfolgt damit ein politisches Ziel. Denn die 59 Golfclubs, die dem hessischen Verband angehören, haben seit diesem Donnerstag ein Problem. Die Landesregierung in Wiesbaden hat die geltenden Corona-Regeln im Land nämlich gerade noch einmal geändert. Was den Breitensport betraf, so war dieser seit einem Beschluss von Bund und Ländern in der vergangenen Woche wegen der Ansteckungsgefahr zwar weitgehend untersagt. Einzig der sogenannte Individualsport sollte weiterhin möglich bleiben – also Aktivitäten, die man alleine oder mit lediglich einem Mitspieler bevorzugt an der frischen Luft ausüben kann. Golf zum Beispiel. Oder Tennis.

          Davon weicht man in Hessen nun ab. Das Land hat die Ausnahme für den Individualsport in Vereinen nicht übernommen. Während die Golf- und Tennisanlagen im Rest der Republik bislang weiter geöffnet sind, müssen die hessischen Clubs von diesem Donnerstag an zusperren. Weil es aber auch in Hessen erlaubt bleibt, in öffentlichen Parks spazieren zu gehen, betont Habig nun die ungeliebte Parallele. Er sagt, dass Golf im Hinblick auf Corona sogar noch sicherer sei als eine Runde im Park. „Unsere Gelände sind weitläufig, die Bahnen bis zu 500 Meter lang.“ Seit dem Bund-Länder-Beschluss ließen die hessischen Clubs immer nur noch zwei Spieler zusammen auf die Runde. Bis die nächste Gruppe starten kann, müssen mindestens zehn Minuten vergehen.

          Es sei also ausgeschlossen, dass zwei Golfer sich auf dem Platz gefährlich nahe kämen. Und weil niemand den Schläger seines Mitspielers an den Kopf bekommen wolle, sei ohnehin ein „automatischer Sicherheitsabstand“ eingebaut, sagt Habig. Kurzum: „Für die kontaktlosen Freiluftsportarten bringt die Verordnung nichts, da das Infektionsgeschehen dort ohnehin extrem gering sein dürfte. Insofern ist die Verordnung weder geeignet, noch verhältnismäßig, noch erforderlich.“ Bereits am Mittwoch sei man deswegen vor Gericht gezogen. Der Verband unterstützt nach eigenen Angaben einen Normenkontrollantrag sowie den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung beim Verwaltungsgerichtshof in Kassel, den eine Golfanlage eingereicht hat. Eine „Lex Golf“ strebe man nicht an, sagt Habig. „Wir wollen nur, dass man sich die Sportarten genau anguckt und sie nicht über einen Kamm schert.“

          Als der erste Lockdown den Breitensport bundesweit zum Erliegen brachte, haben sich acht hessische Sportvereine zusammengetan und bei Innen- und Sportminister Peter Beuth (CDU) in Wiesbaden interveniert. Die Golfer waren dabei, die Tenissspieler, aber auch Ruderer, Segler, Leichtathleten, Reiter und Hobbypiloten. „Wir gehören zu den Freiluftsportarten, die individuell ausgeübt werden können und keinen Körperkontakt erfordern“, hieß es in dem gemeinsamen Brief. Es gebe Hygienekonzepte, mit denen Ansteckungen verhindert werden könnten. Und weil die Sportarten an sich keine Gefahr bärgen, halte man eine Lockerung der Corona-Vorschriften für „sachgerecht“.

          Reiter, Segler und Piloten können weitermachen

          Die Allianz ist kleiner geworden. Im zweiten Lockdown kommen viele glimpflich davon, die damals unterzeichnet hatten. Zwar heißt es in der Verordnung, dass der Betrieb von öffentlichen und privaten Sportanlagen bis Ende des Monats untersagt ist. Es sei aber weiterhin möglich, im öffentlichen Raum Individualsport zu betreiben, schreibt die hessische Landesregierung in ihren „Auslegungshinweisen“ zur neuen Verordnung. „Auch zum Beispiel Reiten, Rudern, Segeln, Segelfliegen und Ski-Langlauf im Sinne einer freizeitsportlichen Tätigkeit in der Öffentlichkeit sind unter Einhaltung der sonstigen Kontaktbeschränkungen möglich.“ Bei der Frage, wer im November weitersporteln darf und wer nicht, geht es also weniger um das individuelle Risiko einer Ansteckung. Entscheidend ist, wo der Sport ausgeübt wird. Das Nachsehen haben nun jene, die mit ihrem Sportgerät nicht einfach in den Park gehen können und stattdessen eine Anlage brauchen. Auch wenn sie dort so gut wie alleine wären. Das betrifft vor allem Golfer, Tennisspieler und Leichtathleten.

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