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Sportereignisse in Diktaturen : Einigkeit, Recht, Freiheit

  • -Aktualisiert am

Runden drehen mit Scheuklappen: Auch beim Formel-1-Rennen in Bahrain gab es für die Sportler nur eins: ihren Sport Bild: dpa

Das Neutralitätsgebot ist eine Geschäftsgrundlage für Sportler. Aber ist es vertretbar, bei Wettkämpfen in diktatorischen Ländern nicht über das Spielfeld hinaus zu blicken?

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          Nirgendwo wird die deutsche Nationalhymne so oft intoniert wie im Sport - zuletzt vor einem Millionenpublikum nach dem Formel-1-Rennen in Bahrein am vergangenen Sonntag. Da stand der deutsche Weltmeister Sebastian Vettel als Sieger auf dem Podium und schloss zur Melodie aus Joseph Haydns Kaiserquartett die Augen. In einigen Wochen wird man die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in der Ukraine bei der Europameisterschaft die dritte Strophe singen sehen. 2014 soll diese Ehre auch dem Eishockeyteam zuteilwerden. Ob die deutschen Profis dann in Weißrussland, im Land des brutalen Diktators Lukaschenka, an „Einigkeit und Recht und Freiheit“ denken?

          Wenn man die Sportler sprechen hört, dann denken sie angeblich gar nicht über ihr Spielfeld hinaus. Das ist auch gewollt. Der Sport sei unpolitisch, behaupten Funktionäre, und das sei auch gut so. Michel Platini, der Präsident der Europäischen Fußball-Union, hat diese Haltung jüngst bekräftigt. Der Internationale Eishockey-Verband lehnte Mitte April die Bitte der FDP-Bundestagsabgeordneten Djir-Sarai und Kurth ab, Weißrussland die Weltmeisterschaft wieder zu entziehen.

          Schrumpfende Helden

          Die Begründung: Das Internationale Olympische Komitee verbiete die Diskriminierung eines Verbandsmitgliedes, in diesem Fall die Eishockey-Föderation Weißrusslands, etwa aus politischen Gründen. Wo man auch hinschaut, ob ins Fahrerlager der sonst so unerschrockenen Formel-1-Piloten, ins Dorf der olympischen Elite oder in die Szene der so hartgesottenen Eishockeyprofis, folgen aus dieser Prämisse Vorschriften für die Spieler, die Denk- und Redeverboten gleichkommen. Da sieht man Helden schrumpfen. Das war bei den Sommerspielen 2008 in Peking so wie jüngst in Bahrein.

          Selbst die Stars werden von der nicht unbegründeten Angst gepackt, in der Weltpolitik aufgerieben zu werden. Sportfunktionäre erinnern an den von der Politik im Westen oktroyierten Boykott der Sommerspiele von Moskau 1980 und an die Revanche des Ostblocks vier Jahre später in Los Angeles. Leidtragende waren Athleten, die sich nach Jahren mühsamer Vorbereitung um die Chance ihres Lebens gebracht sahen. Seither bekämpft der Weltsport jeden Versuch, ihn als Plattform für politische Botschaften und Auseinandersetzungen zu nutzen, wie es noch Anfang Juli 1995 Kroaten und Serben taten.

          Diktatoren zahlen nur für heitere Spiele

          Bei der Siegerehrung der Basketball-Europameisterschaft in Athen gerieten die Spieler im Auftrag ihrer später als Kriegsverbrecher bezeichneten politischen Führer Tudjman und Milošević aneinander. Die drakonischen Strafen der Sportverbände in solchen wie auch weit harmloseren Fällen sollen zwar zu Frieden führen. Dahinter aber steht kaum der Versuch einer Verständigung. Stattdessen wird ein fatales Signal an Gewaltherrscher gesendet: Der Sport stellt keine Bedingungen, falls der Rubel rollt. Wie ließe sich sonst der Druck auf Athleten erklären, nur ja nicht mit Fragen oder Erklärungen den einträglichen Sportbetrieb zu stören? Diktatoren zahlen nur für heitere Spiele.

          Das Neutralitätsgebot ist also eine Geschäftsgrundlage. Dabei verkommen große Sportveranstaltungen wie einst die Sommerspiele 1936 in Nazi-Deutschland, die Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in der argentinischen Militärdiktatur, das olympische Festival in Peking oder die Bahrein-Sause mehr oder weniger zu Instrumenten der Propaganda. Denn wer auf Fragen zu seinem unterhaltsamen Ablenkungsbeitrag in Ländern, wo Demonstranten verschleppt, gefoltert und totgeknüppelt werden, schweigt, der duldet.

          Die größte ehrenamtliche Erziehungsanstalt

          Dieses Verhalten in heiklen Situationen fällt besonders auf, weil der Sport seinem Neutralitätsgebot selbst widerspricht. In Deutschland lassen Spitzenfunktionäre zu Recht keine Gelegenheit aus, die gesellschaftspolitische Bedeutung des Sports hervorzuheben und das Hohelied der Wertevermittlung zu singen, das mit Disziplin, Fleiß und Leistungsbereitschaft beginnt und mit Fairness und Toleranz endet. Der organisierte Sport sieht sich als größte ehrenamtliche Erziehungsanstalt des Landes. Nahezu jeder Bundespräsident hat ihn dafür ausdrücklich gelobt.

          Ob diese Werte in der eigenen Familie noch so geschätzt werden wie behauptet, ist fraglich. Denn Sport präsentiert sich von den Kreisklassen bis in die Weltspitze zunehmend als ein Optimierungsmodell. Weithin zählt nur das Ergebnis, nicht der Weg dorthin. Das ist die Realität auf dem Platz. Sie führt letztlich auch zu einem Scheuklappenblick und Charakterlosigkeit in entscheidenden Momenten. Niemand verlangt von Funktionären und Athleten, in jedem einzelnen Fall Partei zu ergreifen, sich zu innenpolitischen Problemen in fremden Ländern zu äußern, geschweige denn Lösungen zu finden. Aber das entlässt diese herausragenden Staatsbürger nicht aus ihrer Verantwortung: Die meisten von ihnen konnten Nationalspieler, Olympiateilnehmer oder Formel-1-Star werden, weil sie wie selbstverständlich in diesem Land genossen, wofür andere in Bahrein, in der Ukraine oder in Weißrussland ihr Leben riskieren. Sie sollten Haltung zeigen, für „Einigkeit und Recht und Freiheit“ einstehen, auch wenn die Hymne verklungen ist.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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