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Spitzenkandidat Steinbrück : Peer oder Nicht-Peer

Was tun? Peer Steinbrück auf der ständigen Suche nach Stimmung, hier im Berliner Ensemble Bild: Hans Christian Plambeck/Laif

In der SPD sind Zweifel daran gewachsen, warum Peer Steinbrück eigentlich antritt. Am Sonntag muss er eine Antwort finden. Danach soll es einen Wahlkampf geben, der sich gewaschen hat.

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          Ein Sozialdemokrat sitzt Ende November in seinem Bundestagsbüro und blickt betreten aus dem Fenster. Unten bewegen sich Schlangen von Regenschirmen Unter den Linden. „Die Stimmung ist so scheiße, dass wir Peer am Sonntag mit mindestens 96 Prozent wählen werden“, sagt er. So seien sie nun einmal, die Sozialdemokraten - Soldaten, wenn es darauf ankomme. Eine Woche später, kurz nachdem die Delegierten des CDU-Bundesparteitages in Hannover Angela Merkel mit 98 Prozent als Parteivorsitzende bestätigt haben, sagt ein anderer Genosse, er hoffe, die SPD wisse, was sie am Sonntag zu tun habe.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Nach Grünen und CDU ist am Sonntag in Hannover die SPD an der Reihe. Die Partei kommt zu einem außerordentlichen Parteitag zusammen. Die mehr als 600 Delegierten haben nur eine Aufgabe: Peer Steinbrück zum Kanzlerkandidaten zu küren. Fünf Stunden werden sie beieinander sein und Ansprachen von Sigmar Gabriel, dem Parteivorsitzenden, seiner Stellvertreterin Hannelore Kraft und Stephan Weil, dem niedersächsischen Spitzenkandidaten, hören. Auch Helmut Schmidt wird sich, wenn es seine Tagesform zulässt, zu Wort melden und sicherlich die Kür „seines“ Kandidaten belobigen. Neben dem alten Altkanzler schaut auch der jüngere Altkanzler in der Messehalle vorbei; reden darf Gerhard Schröder aber nicht. Sein Verhältnis zu Gabriel ist seit einiger Zeit gestört, und den Delegierten wurde in den vergangenen Wochen schon genug zugemutet. Da muss nicht auch noch der Agenda-Gerd sein.

          Kapiert er nicht, in welche Lage er sich und die Partei bringt?

          Die wichtigste Rede wird natürlich der Kandidat selbst halten. Er will sagen, warum er eigentlich antrete. Das ist genau die Frage, die sich die Delegierten auch schon gestellt haben.

          Steinbrück wollte in Hannover die wochenlange Debatte über seine Vortragshonorare hinter sich lassen. Er hat erklärt, bedauert, sich entschuldigt und demütig die Solidarität seiner Partei entgegengenommen. Er ist durch die Partei getingelt und hat sich unter die Soldaten gemischt. Man passe schon auf, dass er nicht „kaputtgeschossen“ werde, habe man ihm in der Partei gesagt. Mit einem solchen Satz hat er wohl wirklich nicht gerechnet.

          Doch in der Partei ist die Angst noch immer groß. Viele befürchten, dass Steinbrück seine Kandidatur selbst kaputtschießt. Sein Terminkalender wurde freigeräumt, damit er sich ganz auf die Rede in Hannover vorbereiten kann. Nur ein Termin, der musste unbedingt noch ein: Drei Tage vor seiner Kür wollte er noch nach Frankfurt fahren, um vor der Schweizer Privatbank Sarasin eine „Dinner Speech“ zu halten. Der Termin war vereinbart worden, bevor Gabriel ihn Ende September vorzeitig als Kandidat vorschlagen musste.

          Als die Veranstaltung nun in der Wochenmitte publik wurde, schüttelten sie mal wieder alle die Köpfe in der Partei: Unfassbar! Kapiert er denn immer noch nicht, in welche Lage er sich und die Partei bringt? So werde er das Thema nicht los. Da half auch der Hinweis nicht, dass es doch der letzte Auftritt dieser Art sein sollte und das vereinbarte Honorar von 15.000 Euro gespendet werde. Am Mittwoch zog Steinbrück die Reißleine und sagte den Auftritt ab. Offizielle Begründung: Gegen die Bank werde, wie erst jetzt bekanntgeworden sei, staatsanwaltschaftlich ermittelt. Freilich gab es auch einige telefonische Ratschläge, unter anderem aus dem Büro Gabriel.

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