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Spitzenkandidat Özdemir : Der anatolische Schwabe

And the winner is: Cem Özdemir Bild: dpa

Sein Weg zum Spitzenkandidaten der Grünen im Bundestagswahlkampf war kein leichter. Doch der Politiker mit türkischen Wurzeln und schwäbischem Zungenschlag hat sich mit Fleiß und Kampfgeist behauptet. Ein Porträt.

          2 Min.

          Das Verhältnis Cem Özdemirs zu seiner Partei war nicht immer harmonisch: Es gab die Bonus-Meilen-Affäre, wegen der Özdemir nach seinem viel versprechenden Karrieredebüt als junger Bundestagsabgeordneter der Grünen mit türkischen Wurzeln eine längst vergessene Auszeit an einer amerikanischen Universität nahm. Viele hielten ihn nicht gerade für einen Parteiseelenstreichler, manche Grüne streuten, als Europaabgeordneter sei er auch nicht arg fleißig gewesen.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Faulheit, das ist bei den heute von bildungsbürgerlichen Idealen inspirierten Grünen ein politisches Todesurteil. All das gipfelte in einen Konflikt auf einem legendären Landesparteitag in Schwäbisch Gmünd: Obwohl Özdemir schon Monate vorher deutlich gemacht hatte, dass er Nachfolger von Reinhard Bütikofer als Parteivorsitzender werden wollte, verweigerten die baden-württembergischen Parteifreunde ihrem künftigen Spitzenmann einen guten Listenplatz.

          Özdemir war damals allerdings auch zu stolz und wich nicht auf Platz 11 aus. Doch das sind allesamt alte Geschichten, spätestens seit seiner Rückkehr in den Bundestag 2013 und besonders in den vergangen zwei Jahren hat er viel Boden gut gemacht bei den Grünen: 2012 wurde er als baden-württembergischer Spitzenkandidat für die Bundestagswahl 2013 mit einem guten Ergebnis nominiert. Bei der Listenaufstellung für die Bundestagswahl 2017 in diesem Jahr, tagten die Grünen wieder in Schwäbisch Gmünd.

          Alle hatten Özdemirs Niederlage im Jahr 2008 im Hinterkopf, doch es kam anders: Der 51 Jahre alte Politiker bekam sogar ein besseres Ergebnis als die Freiburger Bundestagsabgeordnete Kerstin Andreae. Das hat Gründe: Özdemir ist es gelungen, sich mit den Themen Europa, Integration und der Krise der Türkei zu profilieren. Als Parteivorsitzender ist er präsenter als seine Kollegin Simone Peter vom linken Flügel, der anders als der Realo Özdemir Rot-rot-grün im Bund anstrebt .

          Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der wichtigste Regierungspolitiker, den die Grünen haben, unterstützte ihn schon am Anfang des Urwahlkampfes mit einem gemeinsamen Interview und auch mal einer lobenden Erwähnung. Özdemir ist in Bad Urach auf der Schwäbischen Alb geboren, sein Vater betrieb eine Änderungsschneiderei. Seine Lehrer entdeckten früh sein Potential, als Kind aus einer türkischen Einwandererfamilie gelang ihm die Fachhochschulreife erst über den zweiten Bildungsweg.

          Er studierte Sozialpädagogik, machte dann schnell bei den Grünen Karriere. Als er 1994 erstmals in den Bundestag gewählt wurde, machte er sich mit einem Buch als „anatolischer Schwabe“ bekannt, es war die Zeit als die Integrationsprobleme der zweiten Generation türkischer Einwanderer erstmals eine größere Öffentlichkeit interessierten. In den kommenden Monaten bis zur Bundestagswahl muss Özdemir, der mit einer deutsch-argentinischen Journalistin verheiratet ist und zwei Kinder hat, viel tun, um den linken Flügel seiner Partei in einen taktische und inhaltliche Wahlkampfplanung einzubeziehen.

          In der Koalitionsfrage soll es beim „Kurs der Eigenständigkeit“ bleiben, er will das Ergebnis der Urwahl nicht als Votum für eine schwarz-grüne Koalition verstanden wissen. Dass Özdemir in der Wirtschafspolitik zum Beispiel Schnittmengen mit der Union sieht, dass er schon früh Mitglied der „Pizza-Connection“ war, will er nicht vergessen machen. Bis zum Parteitag im Sommer, auf dem das Bundestagswahlprogramm beschlossen wird, muss Özdemir jetzt programmatische Kompromissformeln finden, die zum realpolitischen Spitzenkandidaten-Team passen und gleichzeitig den linken Parteiflügel nicht an den Rand drängen.

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