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Spendenorganisationen : Das zähe Geschäft mit der Transparenz

  • -Aktualisiert am

DZI hat Unicef das Spendensiegel aberkannt Bild: ddp

Das Projekt Guide Star arbeitet schon länger am Aufbau einer Datenbank, die detaillierte Auskünfte über gemeinnützige Organisationen bereitstellen soll. Der Fall Unicef könnte das Vorhaben nun beschleunigen.

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          Wie schwer sich gemeinnützige Organisationen in Deutschland damit tun, ihre Spendensammelpraxis transparent zu machen, haben die Verantwortlichen des Projekts Guide Star am eigenen Leib erfahren. Seit 2004 arbeiten sie am Aufbau einer Datenbank im Internet, die einen Überblick über die große Menge gemeinnütziger Organisationen hierzulande liefern soll; über Ziele, Aktivitäten, Personalstruktur und zu Finanzdaten. Der Fall Unicef - beim deutschen Segment der UN-Hilfsorganisation waren Unregelmäßigkeiten bei der Spendensammelpraxis bekannt geworden - hat dem Vorhaben von Guide Star nun Aufmerksamkeit und Rückenwind verschafft. „Das war ganz klar ein Schub für uns“, sagt Martin Vogelsang, Gründer und Leiter des von der EU geförderten Projekts.

          Die Beharrungskräfte vor allem der großen Verbände und die in Deutschland fehlende Publizitäts- und Rechnungslegungspflicht für gemeinnützige Organisationen erschwerten bisher das Vorhaben von Guide Star, „einen Beitrag zu einer deutschen Transparenzkultur zu leisten“. Die Mehrheit der befragten kleinen und mittleren Organisationen habe sich aber bereit erklärt, auch Zahlen über Beiträge, Verwaltungs- und Werbungkosten offenzulegen, berichtet Vogelsang.

          Der politische Druck wächst

          Ein klares Bekenntnis zu mehr Transparenz sei dies zwar noch nicht. „Denn viele haben gesagt, wir machen das, bevor der Gesetzgeber demnächst drakonische Auflagen macht.“ Doch der politische Druck wächst nach den Vorfällen bei Unicef. Kürzlich stellten die Guide-Star-Verantwortlichen ihr Vorhaben im Bundestags-Unterausschuss vor, und Bundesministerin Wieczorek-Zeul lobte das Projekt öffentlich. Langfristiges Ziel ist es, die meisten der etwa 600.000 Vereine und 15.000 nichtkirchlichen Stiftungen in Deutschland in einer Datenbank abzubilden.

          Guide Star soll das Spendensammeln im Internet transparent machen

          Guide Star versteht sich aber weiterhin als Plattform, in der die Organisationen freiwillig Rechenschaft ablegen können. Die Möglichkeit, ihr Wirken sichtbar zu präsentieren, ihren Bedarf an freiwilligen Helfern, Geld- oder Sachspenden konkret darstellen zu können und so Vertrauen in ihre Arbeit herzustellen, müsste im eigenen Interesse der Vereine und Stiftungen liegen. Darauf setzt jedenfalls das Projekt Guide Star. Was die Datenbank von einer gängigen Suchmaschine im Internet unterscheiden wird, ist, dass sie Vergleichsmöglichkeiten für den Spender schafft. Wer etwa ein Projekt gegen Jugendarbeitslosigkeit in Brandenburg unterstützen möchte, soll verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt bekommen. Gerade viele kleine Organisationen, sagt Vogelsang, hätten keine oder eine sehr schlechte Präsenz im Internet. „Die bleiben fast unsichtbar.“

          Guide Star ist seit Mai 2006 in das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) in Berlin eingegliedert. Das DZI ist selber eine gemeinnützige Stiftung, die unter anderem vom Bundesfamilienministerium, vom Berliner Senat, vom Städtetag und von der Deutschen Industrie- und Handelskammer getragen wird. Am Mittwoch entzog das Institut Unicef sein Spendensiegel. Das Siegel, das seit 1992 vergeben wird, ist nach Darstellung des DZI „die positivste Form“ der Auskunft über die Seriosität von Spendenorganisationen. Organisationen, die es werbend einsetzen, müssen 500 Euro sowie eine Summe prozentual zum Spendenaufkommen entrichten. Unicef zum Beispiel hat für das Siegel 10.000 Euro bezahlt.

          Vorbild ist das amerikanische Guide Star

          „Wir wollen aber kein Spendensiegel zweiter Klasse sein, sondern ein Informationsportal“, sagt Vogelsang. Dabei sei es auch von Beginn an wichtig, fundamentalistische Gruppen außen vor zu halten, um die Datenbank nicht zu diskreditieren. Ende des Jahres soll Guide Star im Internet präsent sein, zunächst nur mit Organisationen aus dem Bundesland Berlin. Die „kritische Masse“ 1000 soll beim Start auf jeden Fall übertroffen werden.

          Vogelsang hofft, dass dann rasch ein „Schneeballeffekt“ einsetzt und sich Vereinigungen aus allen anderen Bundesländern beteiligen. Regionale Datenbanken wie etwa eine rheinland-pfälzische, die schon mehr als 12.000 Organisationen - allerdings mit nur rudimentären Informationen - gelistet hat, sollen dann Stück für Stück integriert werden.

          Vorbild ist das amerikanische Guide Star, das seit 1994 im Internet zugänglich ist. Derzeit beherbergt es schon Informationen über die personelle und finanzielle Situation von etwa einer Million gemeinnütziger Organisationen. Auch die britische Version ist schon veröffentlicht, in Südafrika, Ungarn, Irland und den Niederlanden laufen Vorbereitungen für ähnliche Projekte. „Wir hoffen, dass wir die nächsten sind, die online gehen“, sagt Vogelsang.

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