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SPD-Vize Ralf Stegner : Ohne Fliege nach Berlin

Sigmar Gabriel (rechts) und Ralf Stegner (links). Bild: dpa

Anders als sein Kieler Parteifreund Torsten Albig will SPD-Bundesvize Ralf Stegner mit einem Kanzlerkandidaten in den Wahlkampf ziehen. Den stets angriffslustigen Stegner drängt es selbst verstärkt in die Bundespolitik.

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          Vor seinem Sommerurlaub war Ralf Stegner, der Fraktionsvorsitzende der SPD im Landtag von Schleswig-Holstein, eine Woche lang auf Sommertour. Tierschutz war diesmal das Thema, die Resonanz in den Medien bescheiden. Stegner freute sich laut offizieller Erklärung „über die positiven Rückmeldungen zum neuen Gefahrhundegesetz, das künftig ohne Rasseliste auskommen wird“.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Er freute sich ebenso, dass ein Putenzuchtbetrieb nun ohne Antibiotika in der Tierhaltung auskomme. Am Schluss der Reise widmete er sich dem im Land heiß umstrittenen Thema Wolf, besuchte das Wolfszentrum im Wildpark Eekholt, dann reiste er zu einem Landwirt, der in diesem Jahr jede Menge Schafe durch einen Wolf verloren hat.

          Auch ein sogenanntes Sommerinterview gab Stegner. Darin sagte der 55 Jahre alte Politiker, er wolle in Schleswig-Holstein bleiben, gleichwohl mache ihm seine Rolle in der Bundespolitik Spaß. „Ich habe nicht den Eindruck, dass ich als stellvertretender Bundesvorsitzender in Berlin unterbeschäftigt bin.“ Auch der SPD-Ministerpräsident des Landes, Torsten Albig, hatte ein Sommerinterview gegeben und dabei Fehler gemacht, die Stegner niemals passieren würden. Die SPD müsse ihren Spitzenmann für die nächste Bundestagswahl nicht unbedingt Kanzlerkandidat nennen, hatte Albig gesagt. Und dass die Kanzlerin „einen guten Job“ mache.

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          In Berlin wird über Albigs Motive gerätselt, in Schleswig-Holstein ist man sich sicher, dass es so ein Dahinplaudern war. So wie Albig auch urplötzlich einmal eine Sonderabgabe der Autofahrer gefordert hatte für Straßenreparaturen. Stegner reagierte in der Kandidatenfrage sofort, per Twitter: Er arbeite vertrauensvoll mit Albig zusammen, aber in Sachen Kanzlerkandidatur sei er dann doch anderer Meinung. Inzwischen hat er wissen lassen, dass er sich eine Urwahl des Kanzlerkandidaten vorstellen könne.

          Bei der Mitgliederbeteiligung sei die SPD „unangefochtener politischer Marktführer in Deutschland“, sagte Stegner am Mittwoch. Der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel habe selbst immer wieder gesagt, bei mehreren Kandidaten für die Kanzlerkandidatur sei eine Entscheidung der Mitglieder gefragt. Stegner selbst ist mit Mitgliederentscheidungen zwar schlecht gefahren, aber er würde ja auch nicht zur Wahl stehen.

          Dennoch dürfte die nächste Bundestagswahl so oder so auch für ihn persönlich eine Weichenstellung bedeuten. Es ist kein Geheimnis, dass es ihn in die Bundespolitik drängt.

          Stegner schaffte es seine Niederlagen unbeschadet zu überstehen

          Wenn Stegner aus dem Urlaub zurückkehrt, hat er einen besonders schönen Termin in seinem Kalender. Am 8. September wird im Kieler Landeshaus das Buch „Spiegelbilder“ vorgestellt, in dem 25 Persönlichkeiten aus Schleswig-Holstein über Stegner schreiben. 25 deshalb, weil Stegner gerade ein Vierteljahrhundert in der Landespolitik von Schleswig-Holstein tätig ist. 1990 nämlich holte ihn der damalige SPD-Sozialminister Günther Jansen als Pressesprecher in sein Ministerium.

          Das Buch wird Stegner Freude bereiten, da etwa der CDU-Faktionsvorsitzende im Landtag, Daniel Günther, sich mehr Stegners, mehr klare Kante also, in der Politik wünscht oder Wolfgang Kubicki, der rhetorische Gegenspieler Stegners im Kieler Landtag und FDP-Fraktionsvorsitzende, Stegner allemal zutraut, Ministerpräsident zu sein - auch wenn er gerade das unbedingt verhindern will. Kubicki staunt scheinheilig darüber, wie Stegner es geschafft hat, seine großen Niederlagen unbeschadet zu überstehen (dabei kennt auch Kubicki dieses Gefühl sehr gut).

          Stegner war 2009 Spitzenkandidat seiner Partei und verlor krachend gegen seinen CDU-Gegenspieler, Ministerpräsident Peter Harry Carstensen. 2012 bei der nächsten, vorgezogenen Wahl wurde er nicht einmal mehr Spitzenkandidat seiner Partei, weil Albig den damals mit großem Aufwand inszenierten parteiinternen Wettbewerb für sich entscheiden konnte - mit einem für Stegner, immerhin dem Parteivorsitzenden, eigentlich vernichtenden Ergebnis.

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