https://www.faz.net/-gpf-86ery

SPD-Vize Ralf Stegner : Ohne Fliege nach Berlin

Albig aber reichte Stegner die Hand, seitdem gibt es eine Doppelspitze: Albig in der Staatskanzlei, Stegner an der Spitze von Fraktion und Partei. Albig konnte unter anderem deshalb darauf eingehen, weil er fest damit rechnete, dass das politische Talent Stegner irgendwann in Berlin benötigt würde. Stegner sollte einst Generalsekretär seiner Partei werden, aber dazu hatte er am Ende das falsche Geschlecht, Yasmin Fahimi wurde es. Immerhin wählte die Partei ihn zu einem der sechs stellvertretenden Parteivorsitzenden.

Vom Pressesprecher zum Staatssekretär und Minister

Dass es ihn auf die bundespolitische Bühne drängt, ist kein Geheimnis. In Schleswig-Holstein hat er erreicht, was für ihn zu erreichen war. Er begann als Pressesprecher, wurde Staatssekretär und Minister, bis Carstensen in der Zeit der großen Koalition Stegners Karriere in der Exekutive beendete. Das war 2008, Carstensen hatte die SPD vor die Wahl gestellt: Ende der Koalition, oder Stegner wird aus dem Kabinett entfernt. Schon damals waren es Stegners Twitter-Kommentare, die bei der CDU helle Empörung auslösten. Stegner war damals schon seit einem Jahr Parteivorsitzender. Die CDU wollte also auch gleich die Spitze der Partei treffen.

Stegner wurde Fraktionsvorsitzender, und es war, als habe er seine eigentliche Bestimmung gefunden. Seitdem hat er nicht nur sein Äußeres verändert und die berühmte Fliege abgelegt, seitdem ist er auch der Mann verlässlich linker Positionen in seiner Partei. Er muss sie im Fall des Falles ja nicht durchsetzen. Es hätte übrigens nicht einmal des Albig-Versprechers in Sachen Kanzlerkandidatur bedurft, um klarzumachen, wer in der Nord-SPD das Sagen hat. Albig ist auf die Partei angewiesen und damit auch auf Stegner, der die Partei wie kein anderer prägt.

Welche Rolle könnte Stegner in Berlin finden?

Das Erscheinungsbild Albigs, der als strahlender Retter gekommen war, erst im Kieler Rathaus, dann im Landtagswahlkampf, hat gelitten. Die falsche Besetzung des Bildungsressorts mit der zu ehrgeizigen parteilosen Waltraud Wende spielte dabei eine Rolle. Ebenso der urplötzliche Abgang von Innenminister Andreas Breitner in die Wirtschaft. Breitner war immerhin auch stellvertretender SPD-Parteivorsitzender gewesen. Selbst die Ankündigung des grünen Ministers Robert Habeck, er würde sich die Spitzenkandidatur seiner Partei zur nächsten Bundestagswahl vorstellen können, fiel auf Albig zurück, weil er so die vielleicht eindrucksvollste Persönlichkeit seines Kabinetts verlieren würde.

All das arbeitet Stegner in die Hände. Ähnlich ist es in der Bundespolitik, wo der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel immer wieder in die Kritik gerät und mit einer Kanzlerkandidatur womöglich seinem eigenen politischen Ende entgegengeht, als wäre er eine Figur aus einer antiken klassischen Tragödie. Welche Rolle könnte Stegner in Berlin finden?

Im Grunde kann die SPD auf einen so starken Mann nicht verzichten, auch wenn er vielen als unsympathisch, ja sogar unwählbar gilt. Weshalb kommt Stegner dennoch immer wieder voran, auch nach jeder Niederlage oder Demütigung? Die Antwort ist einfach: Stegner ist nicht nur blitzgescheit, eloquent und sowohl in der Legislative als auch in der Exekutive erfahren wie wenige. Vor allem betreibt er seinen Beruf des Politikers mit größter Leidenschaft.

Er twittert auch aus dem Urlaub. Er streitet leidenschaftlich gern, auch um Kleinigkeiten. Ihm machen endlos lange Gremiensitzungen nichts aus, anders als etwa Albig, der dann genervt wirkt. Er ist robust in jeder Hinsicht, ein voller Terminkalender macht ihm eher Freude, als dass es ihn abschrecken würde. Er ist immer präsent und im kleineren Kreis gewinnend und witzig.

Und er versteht es, „jeglichem Amt die maximale öffentliche Wahrnehmung und Bedeutung zu verschaffen“, wie einer seiner Mitstreiter in dem Buch anmerkt. „Wenn Ralf der Vorsitzende eines Taubenzüchtervereins wäre, würde dieser vermutlich innerhalb kürzester Zeit der bedeutendste Taubenzüchterverein Deutschlands werden.“ Immer wieder wird in Kiel davon gesprochen, dass Stegner ein Bundestagsmandat anstreben könnte. Fragt man danach, verweist die Partei auf das Verfahren: Erst in der zweiten Jahreshälfte 2016 werde entschieden. Stegner sagt dazu: „Ob irgendwann etwas anderes kommt, das findet sich.“

Weitere Themen

Die Spielchen des Markus Söder

F.A.Z.-Newsletter : Die Spielchen des Markus Söder

Viele Karten sind im Spiel, wenn es um die künftigen Kanzlerkandidatur der Union geht. Eine trägt sicherlich den Namen von CSU-Chef Markus Söder. Der gab sich bei der Jungen Union vielsagend zu dieser Frage. Der Newsletter für Deutschland.

Topmeldungen

Krise der Nationalelf : Löw und der heiße Brei

Der Fußball-Nationalelf fehlt nicht die Feinarbeit, sondern ein Fundament. Doch an Kernfragen traut sich der Bundestrainer nicht heran – oder er findet die Antworten nicht.
Die fragliche Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Bremen

Anklage wegen Asylbescheiden : Was vom Bamf-Skandal übrig blieb

Vor zweieinhalb Jahren sorgte die Bremer Asylbehörde für Aufregung: Dort sollen positive Bescheide ohne korrekte Prüfung bewilligt worden sein. Doch strafrechtlich ist von den Vorwürfen wenig übrig geblieben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.