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SPD und Sarrazin : Die Suche nach dem Notausgang

Sarazzins Thesen haben zu viele Anhänger, um sie herunterspielen zu können - das weiß Sigmar Gabriel nur zu gut Bild: dpa

Die SPD hat sich im Fall Sarrazin vergaloppiert. Für die Lösung des Problems geht Parteichef Gabriel deshalb in die Offensive. Doch ob man den umstrittenen Buchautor einfach aus der Partei werfen kann, ist ungewiss.

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          Ob er es genießt? Thilo Sarrazin lässt sich nichts anmerken, hebt nicht einmal die Hand. Als er am Freitagabend den Saal der Urania in Berlin betritt, um sich der Diskussion zu stellen, wird der dünne, kauzige Mann mit der Rundbrille vom Publikum gefeiert wie ein Star. Sarrazin wird vor allem beklatscht als einer, der sich mit der politischen Klasse anlegt, als Kämpfer gegen die politische Korrektheit. Und er spielt diese Rolle dann doch mit Genuss. „Es ist schon ungewöhnlich, dass eine Bundeskanzlerin sagt, ein Buch sei nicht hilfreich“, sagt er zu Beginn.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Wahrscheinlich sei auch die Zeichnung des dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard, der vor fünf Jahren den Propheten Mohammed mit einer Bombe im Turban abgebildet hatte, seitdem mit dem Tod bedroht wird und der am Mittwoch von der Bundeskanzlerin einen Preis überreicht bekam, nicht hilfreich für die dänische Regierung gewesen. „Angela Merkel hätte damals wohl gesagt: Diese Zeichnung war gar nicht hilfreich“, flötet Sarrazin nun im Merkelschen Mädchenton. Deswegen rechne er damit, dass er von Angela Merkel in fünf Jahren, „wenn sie dann immer noch Bundeskanzlerin ist“, einen Preis für Meinungsfreiheit bekomme. Da tobt der Saal.

          Ausschlussverfahren beschlossen, ohne das Buch gelesen zu haben

          Dass ein so populärer SPD-Mann die CDU-Kanzlerin kritisiert, müsste seiner eigenen Partei eigentlich gefallen. Doch Sarrazin ist in diesen Tagen das größte Problem der SPD - ein Problem, von dem die Partei nicht weiß, wie sie damit umgehen soll. Das hat gerade noch gefehlt, stöhnt man im Willy-Brandt-Haus. Denn gerade hatte sich die SPD beruhigt, eine innerparteiliche Versöhnung schien zu gelingen, die Umfragewerte waren gestiegen - nun ruiniert der Fall Sarrazin das Aufbauprogramm von Monaten. Ein Super-GAU.

          Doch den hat sich die Führung auch selbst geschaffen. Der SPD-Vorstand hatte am Montag vor zwei Wochen, am Tag, als Sarrazins Buch erschien, einstimmig beschlossen, ein Parteiordnungsverfahren gegen den Autor anzustrengen, auf gut Deutsch: ihn rauszuschmeißen. Gelesen habe er das Buch damals nicht und auch bis heute nicht, gibt einer aus dem Vorstand zu. So war es wohl auch bei den anderen. Doch SPD-Chef Sigmar Gabriel gab den Kurs vor, und die Parteispitze folgte ihm. Wenn einer, der schon lange nervte, noch von „jüdischen Genen“ sprach, dann musste man einfach ganz schnell handeln.

          Die Erinnerung an die Causa Clement ist noch wach

          Gabriel, ganz Bauchmensch, habe am Morgen beim Frühstück im engsten Kreis entschieden auf einen Ausschluss von Sarrazin gedrängt, gar ein Schnellverfahren erwogen, so erzählt man in der Partei. Generalsekretärin Andrea Nahles, forsch im Auftreten, aber eigentlich eine zögerliche Natur, soll zunächst gebremst und eine Untersuchungskommission ins Spiel gebracht haben, bevor man ein langwieriges Ausschlussverfahren beginne. Die Erinnerung an die parteischädigende Wirkung des Verfahrens gegen Wolfgang Clement ist noch wach. Doch Gabriel setzte sich durch. Und die SPD hatte sich - wieder einmal - vergaloppiert. Nun, sagt einer aus dem Vorstand, sehe man, dass der Entschluss für einen Ausschluss Sarrazins nicht der klügste gewesen sei.

          Denn ohne Schaden aus der Sache herauszukommen ist seitdem unmöglich. Viele Mitglieder und Wähler der SPD teilen Sarrazins Thesen von einem Deutschland, in dem es zu viele nicht integrierte muslimische Migranten gibt. Sie wohnen, weit mehr als die Wähler von CDU, FDP und Grünen, in den Städten und Stadtteilen, in denen sie mit den Problemen der Integration täglich konfrontiert sind. „Die Debatte findet vor allem bei unserer Wählerschaft statt“, sagt Martin Schulz, Präsidiumsmitglied der SPD und Vorsitzender der Sozialdemokratischen Fraktion im Europaparlament. „Die SPD darf jedenfalls nicht den Eindruck erwecken, sie nähme die Abstiegs- und Überfremdungsängste der Menschen nicht ernst“, so Schulz. Zugleich gibt es die linken Anhänger, denen Sarrazin ein Greuel ist.

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