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SPD Nordhessen : „Stets Gegrummel gegen Ypsilanti“

  • -Aktualisiert am

Plante schon den Umbau „seines” Ministeriums: Ypsilantis Schatten-Umweltminister Hermann Scheer Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

Noch entlädt sich in der SPD Hessen die Wut über jene vier „Abweichler“, die die Regierungsbildung verhindert haben. Doch es gibt auch andere Stimmen: Nach der Wahl im Januar seien die, die das Sagen hatten, fanatisch geworden. „Und der Fanatismus hat sie blind gemacht“.

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          Der designierte Wirtschaftsminister Scheer hatte die Räume im Ministerium, in die er einziehen wollte, schon in Augenschein genommen. Als wären es bereits die seinen, gab er Anweisungen, dass er in das Zimmer des Staatssekretärs einziehen wolle und einen Schlafraum mit Dusche für sich reklamiere. Der Umbau bleibt wohl aus. Die Wut über das Scheitern Andrea Ypsilantis und über die Umstände, unter denen die von den Sozialdemokraten so lange erhoffte Abwahl Ministerpräsident Roland Kochs (CDU) scheiterte, entlädt sich auch in Nordhessen, wo die Pläne des avisierten rot-rot-grünen Bündnisses stets auf Skepsis und Ablehnung gestoßen waren.

          Nicht Dagmar Metzger, aber die anderen drei, die einen Tag vor der geplanten Abstimmung bekanntgemacht hatten, sie würden Andrea Ypsilanti ihr Stimme verweigern, sollten aus der SPD entfernt werden, fordern die Jusos in Waldeck-Frankenberg. „Im Höchstmaß unanständig“, sagt der designierte und nunmehr verhinderte Finanzminister Reinhard Kahl, Sozialdemokrat aus dem Waldeckschen, sei das Verhalten der Abweichler.

          „Nach der Wahl fanatisch geworden“

          Ein Kasseler Sozialdemokrat wird mit den Worten zitiert: „Das ist eine Sauerei, da läuft mir die Galle über“. Der stellvertretende SPD-Vorsitzende in Nordhessen, der Marburger Norbert Schüren, sagt, der Landesvorstand habe zwar lediglich beraten und noch keine Beschlüsse gefasst. Aber wer solche Mehrheiten wie auf dem Parteitag am Wochenende in Fulda ignoriere, wo 95 Prozent der Delegierten für den Koalitionsvertrag stimmten, müsse sein Landtagsmandat zurückgeben.

          „Im Höchstmaß unanständig”: Der verhinderte hessische Finanzminister Reinhard Kahl kritisiert die vier „Abweichler”
          „Im Höchstmaß unanständig”: Der verhinderte hessische Finanzminister Reinhard Kahl kritisiert die vier „Abweichler” : Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

          Jene, die nicht so eindeutige Aussagen treffen, wollen ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Der Druck muss groß gewesen sein. So sagen die, die lieber nichts sagen wollen, hinter vorgehaltener Hand und hinter verschlossenen Türen: Nach der Wahl im Januar seien die, die zu der Zeit das Sagen hatten, fanatisch geworden. „Und der Fanatismus hat sie blind gemacht“. Es habe stets „Gegrummel“ gegeben in der Partei gegen Frau Ypsilanti. Die regionalen Vorrunden vor dem Parteitag, auf dem sie 2006 als Spitzenkandidatin nominiert wurde, hätten die wahre Stimmungslage in der Partei wiedergegeben. In den damaligen Regionalkonferenzen hatten sich die Sozialdemokraten im konservativen Fulda zu mehr als 70 Prozent für Jürgen Walter ausgesprochen, aber auch im eher linken Marburg-Biedenkopf errang der Rivale Frau Ypsilantis damals in geheimer Abstimmung eine Mehrheit.

          Keiner spricht mehr offen

          Ein Sozialdemokrat, der aus seiner Skepsis gegenüber einer Zusammenarbeit mit der Linkspartei nie einen Hehl gemacht hatte, berichtet nun: „Viele Genossen sagen, Du hast ja Recht gehabt, aber sag' es nicht, dass ich es auch so sehe.“ Ein „unangenehmer Zwang“ sei aufgebaut worden, heißt es. Keiner spreche mehr offen. Frau Ypsilanti habe einen hervorragenden Wahlkampf gemacht, sei aber nach der Wahl in eine Glaubwürdigkeitskrise geraten, sagt ein erfahrener Sozialdemokrat. Es habe etwas mit Moral und Verlässlichkeit zu tun, wenn Frau Ypsilanti ihr Versprechen, nicht mit der Linkspartei zusammenzuarbeiten, einfach übergehe, sagt ein anderer: „Das ist unehrenhaft und hat der Glaubwürdigkeit der SPD nachhaltig geschadet.“ Der Mann ist den Tränen nahe.

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