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SPD-Kanzlerkandidatur : „Alles ab 25 Prozent wäre ein großer Erfolg“

Martin Schulz könnte mehr als nur eine Interimslösung für die SPD werden, glaubt der Historiker Gregor Schöllgen Bild: Reuters

Der künftige SPD-Vorsitzende und Kanzlerkandidat Martin Schulz könnte den Sozialdemokraten Aufwind bringen, glaubt der Historiker und Schröder-Biograf Gregor Schöllgen. Viel Zeit werde Schulz aber nicht bekommen.

          4 Min.

          Herr Schöllgen, die SPD feiert sich für Gabriels Entscheidung, Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten und neuen Parteivorsitzenden zu machen. Kann er wirklich die „Erlöserfigur“ sein, die manche Genossen sich jetzt so erhoffen?

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Ob überhaupt jemand die SPD angesichts ihrer derzeitigen Lage „erlösen“ kann, ist die große Frage. Das kann man durchaus bezweifeln. Dennoch ist die Entscheidung sicher ein richtiges und wichtiges Signal an die Adresse der Partei. Mit Sigmar Gabriel ist die SPD auf der Stelle getreten, hat sich kaum mehr bewegt. Mit Martin Schulz bringt jetzt jemand von außen eine frischen Brise in die Partei. Zwar ist auch er ein routinierter Politiker mit jahrzehntelanger Erfahrung, aber er hat sich bislang nicht in den heimischen innerparteilichen Konflikten aufgerieben. Das kann die Aufbruchsstimmung beflügeln.

          Als Europapolitiker ist Schulz versiert und wird weithin geschätzt, innenpolitisch verfügt er aber über keine Erfahrung, wie seine Kritiker monieren. Kann er sich rasch in verästelte nationale Themen wie Steuergerechtigkeit, die Rente oder die Pkw-Maut einarbeiten?

          Ob ihm das gelingt, wird Martin Schulz jetzt sehr schnell unter Beweis stellen müssen. Eine Schonfrist wird es nicht geben. Man darf allerdings nicht vergessen, dass Schulz zwar innenpolitisch ein im Wesentlichen unbeschriebenes Blatt ist, dass er aber bei der EU über viele Jahre Ämter ausgefüllt hat, die Managementqualitäten und Verantwortungsbewusstsein erfordern. Wer in dieser Liga arbeitet, und das über einen derart langen Zeitraum, der hat in der Regel unter Beweis gestellt, dass er sich schnell in neue Sachverhalte einarbeiten kann. Martin Schulz würde ich das auch zutrauen.

          Trotzdem ist Schulz für viele Sozialdemokraten so etwas wie eine Wundertüte. Wofür steht er?

          Das kann man noch nicht sagen. Klare inhaltliche Konturen sind bei ihm, vom Bekenntnis zu Europa abgesehen, bislang nicht erkennbar. Das muss aber kein Malus sein. Denn im Moment kommt es vor allem darauf an, dass Schulz die Partei für seine Person einnehmen kann. Als EU-Parlamentspräsident hat er gezeigt, dass er Führungsstärke besitzt und Menschen für sich und seine Politik gewinnen kann. Für sein Amt als Parteivorsitzender sind das gute Voraussetzungen.

          Ist Schulz nur ein Interims-Vorsitzender? Oder kann er die starke Führungsfigur der SPD für die nächsten Jahre sein?

          Das hängt vom Ergebnis bei der Bundestagswahl ab. Dass die SPD unter Schulz die Wahl gewinnt, kann man nahezu ausschließen. Es ist aber denkbar, dass sie mit ihm ihre Talfahrt stoppen wird. In ihrem derzeitigen desolaten Zustand wäre für die SPD alles von 25 Prozent an aufwärts ein großer Erfolg. Sollte Schulz bei der Bundestagswahl so ein Ergebnis holen, könnte er auch längerfristig eine Zukunft als Parteivorsitzender haben. Wenn nicht, dürfte es sehr schwierig werden. Dann wird wohl der Ruf nach einem radikaleren Generationenwechsel lauter werden.

          Mit welchen Themen sollte die SPD in den Bundestagswahlkampf ziehen?

          Die SPD sollte sich auf die Erfolge besinnen, die sie in den vergangenen Jahren ja durchaus erzielt hat. Ich habe nie verstanden, warum sich die Partei mit der Agenda 2010 derart schwer tut. Wie alle großen Entwürfe ist sie zwar auch sie reformbedürftig und auch reformfähig, aber sie bleibt ein Erfolg, um den uns viele, auch Sozialdemokraten beziehungsweise Sozialisten anderer Länder, beneiden. Ohne diese Kraftanstrengung stünde Deutschland heute wirtschaftlich und sozial kaum so gut da. Wenn es der SPD gelingt, ihre Kernthemen wie soziale Gerechtigkeit und Chancengleicheit überzeugend neu zu besetzen, hat sie Chancen. Martin Schulz könnte dafür, auch wegen seiner eigenen Biografie, der richtige Mann sein.

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