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SPD-Kanzlerkandidat : Löst Sigmar Gabriel das Rätsel der K-Frage?

Wer tritt für die SPD als Kanzlerkandidat an – und was folgt daraus für den Parteivorsitz? Bild: dpa

Am Dienstagabend will SPD-Chef Gabriel womöglich parteiintern mitteilen, ob er für die SPD als Kanzlerkandidat antritt. Er hat so lange gezögert, dass die Stimmung in der Partei mehr als gereizt ist – und ein anderer Kandidat immer mehr Fürsprecher bekommt.

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          Hat die SPD am Ende doch noch einen Kanzlerkandidaten? Selbst viele Genossen mögen nicht mehr daran glauben, so quälend war die monatelange Debatte um die „K-Frage“ – doch nun hat der Berg womöglich gekreisst: Am heutigen Dienstagabend könnte Sigmar Gabriel in Berlin die engere Parteispitze schon fünf Tage vor der ursprünglich geplanten feierlichen Ausrufung des SPD-Kanzlerkandidaten über seine Entscheidung informieren, ob er bei der Bundestagswahl gegen Angela Merkel antreten will oder ein anderer Genosse die CDU-Kanzlerin herausfordert. Höchste Zeit, sagen nicht wenige Genossen bis hinein in die weitere Parteiführung, deren Stimmung mit „gereizt“ noch liebevoll umschrieben ist.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Thomas Holl

          Redakteur in der Politik.

          Dabei hat die Partei in den letzten Monaten nach Kräften den Eindruck zu vermitteln versucht, der „Fahrplan“ zur Kanzlerkandidatur sei längst verabredet und müsse vom Vorsitzenden nur noch zum gegebenen Zeitpunkt verkündet werden. Doch wer zuletzt mit führenden SPD-Vertretern sprach, der erlebte fast überall dasselbe: große Verunsicherung darüber, dass die K-Frage noch immer nicht entschieden ist. Selbst Leute aus dem Parteivorstand schüttelten ratlos – und zunehmend genervt – den Kopf. Niemand wisse Genaueres, sagten sie, Sigmar Gabriel allein entscheide, und der habe sich selbst im engeren Führungszirkel noch immer nicht eindeutig geäußert. Von einer unterdrückten Personaldebatte war im Willy-Brandt-Haus die Rede, von verheerendem Starrsinnigkeit und einer Antipathie vieler Genossen gegenüber ihrem Vorsitzenden, die mittlerweile mit Händen zu greifen sei.

          Dabei hat Gabriel in den vergangenen Monaten durchaus einige Erfolge zu verzeichnen. Die umstrittene Fusion der Supermarktketten Edeka und Tengelmann hat er nach einigen Patzern schließlich doch noch gerettet. Er hat Frank-Walter Steinmeier gegen den Widerstand von Angela Merkel als künftigen Bundespräsidenten durchgesetzt, was selbst politische Gegner als Coup bewerten. Und die SPD führt er als Vorsitzender schon seit mehr als sieben Jahren. Länger standen vor ihm nur Erich Ollenhauer und Willy Brandt an der Spitze der deutschen Sozialdemokratie.

          Mit Gabriel noch schlechter als ohne ihn?

          In der Partei bleibt Gabriel trotzdem unbeliebt – wegen seiner rasanten Richtungswechsel, bei denen selbst Wohlmeinende mitunter nicht mehr mitkommen, vor allem aber, weil sich die SPD unter Gabriels Vorsitz in den Umfragen im freien Fall befindet, allen Achtungserfolgen bei den vergangenen Landtagswahlen zum Trotz. In der Sonntagsfrage sehen die großen Institute die SPD derzeit bei miserablen 21 Prozent – so tief stand die Partei in ihrer jüngeren Geschichte noch nie. Das Problem ist aber: Mit Gabriel als Kanzlerkandidat, so fürchtet mancher im Willy-Brandt-Haus, könnte die SPD bei der Bundestagswahl womöglich sogar unter 20 Prozent fallen und das schlechteste Ergebnis seit 1949 erzielen.

          Berlin : Gabriel sieht in Trump-Kurs Chancen für Europas Wirtschaft

          Aus gutem Grund ist in den vergangenen Wochen ein Mann zur möglichen Alternative zu Gabriel geworden, der lange als unwahrscheinlichster Kandidat galt: Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz. Selbst jene, die den Hamburger Sozialdemokraten noch vor ein paar Monaten als zu blass für die Kanzlerkandidatur ziehen, loben jetzt die große innenpolitische Erfahrung des Hanseaten, der SPD-Generalsekretär unter Gerhard Schröder und Arbeitsminister im ersten Kabinett Merkel war. In seiner Heimatstadt Hamburg ist der im Willy-Brandt-Haus und von Hauptstadt-Journalisten wegen seiner gestanzt wirkenden Statements einst als „Scholzomat“ verspottete stellvertretende Bundesvorsitzende so beliebt, dass er bei der letzten Bürgerschaftswahl mit der SPD nur knapp die absolute Mehrheit verpasste. Auf einem Podium könne Scholz aus dem Stegreif zu allen innenpolitischen Themen profund Stellung nehmen, heißt es in der Partei – das habe er auch dem immer wieder als Gabriel-Alternative genannten Martin Schulz voraus, der europapolitisch zwar unangefochten sei, sich in die Untiefen und Themen der deutschen Innenpolitik aber erst einarbeiten müsste.

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