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SPD : In der Schlangengrube

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Der alte Fuchs: Franz Müntefering am Mittwochabend im Münchner Hofbräukeller Bild:

Eigentlich scheint die Frage, wer Angela Merkel im September 2009 herausfordern wird, entschieden. Doch was wird aus dem SPD-Vorsitzenden Beck, wenn Steinmeier Kanzlerkandidat wird? Und außerdem ist da noch Franz Müntefering. Ein Spaziergang durch eine Partei der Eigentümlichkeiten.

          8 Min.

          Ernst Bahr ist ein aufrechter Sozialdemokrat. Er steht zu den Beschlüssen der Partei und zu ihrer Politik. Er war "Diplomlehrer" für mathematische Fächer, später dann, nach dem Ende der DDR, Landrat im Kreis Neuruppin im nördlichen Brandenburg. Er gibt keine provokanten Interviews. Er macht keinen Ärger, was freilich zur Folge hat, dass er, obwohl immerhin seit 1994 im Bundestag, vergleichweise unbekannt ist. Doch Ernst Bahr hat auf straffe Weise ziemlich klare Vorstellungen darüber, was sich einer Partei und ihren Mitgliedern geziemt und was nicht. "Wir haben allen Grund, zu dem zu stehen, was wir gemacht haben!", ruft er. "Aber wir stehen nicht dazu." Bahr ruft: "Ich mache die Fraktionierung der Fraktion nicht mit!" Er klagt nicht: "Ich muss mich auch disziplinieren." Und: "Die Minderheit hat sich zu fügen." Neben ihm sitzt Peter Struck, der einmal im Jahr mit Journalisten durchs Land fährt - oft auf Theodor Fontanes Spuren. Der Fraktionsvorsitzende nickt zufrieden. "Wir müssen uns überhaupt nicht verstecken", sagt der Abgeordnete. Es gibt Kaffee und Kuchen. Bahr schwärmt davon, dass 1990 Willy Brandt in Neuruppin aufgetreten sei. 25 000 Menschen seien dabei gewesen. Damals habe die SPD dort mehr als 50 Prozent der Stimmen bekommen. Jetzt seien es weniger als 40 Prozent.

          Ernst Bahr bietet eine ziemlich einfache Analyse mancher Schwierigkeiten seiner Partei. "Vor Ort", sagt er, bedienten viele Abgeordnete den "Stammtisch", statt für sozialdemokratische Positionen zu kämpfen. Dann kämen sie nach Berlin und sagten der Fraktionsführung, sie solle mal an die "Basis" kommen und hören, was die sage. Struck setzt ein Gesicht auf, als denke er, schön wäre es, wenn alles so einfach wäre. "Wir werben um die Partei, die uns inhaltlich am fernsten steht", sagt Bahr und meint die Linkspartei. Die Namen Andrea Ypsilantis und Gesine Schwans erwähnt er auch. Dann sagt er noch, es herrsche Bedrücktheit über die schlechte Stimmung. So ist das in Neuruppin und natürlich auch in der Pfalz und in Bayern und in Nordrhein-Westfalen und damit dann auch in Berlin. Für den nächsten Bundestag wird Bahr nicht wieder kandidieren. Struck auch nicht. Immerhin scheint die Sonne.

          Struck: Kanzlerkandidatenfrage wird nicht am Sonntag entschieden

          Struck ist - meistens jedenfalls - ein Mann des offenen Wortes, was ihn beliebt, zuweilen freilich auch gefürchtet, weil unkalkulierbar macht. Damit die Neugierigen auf seinen Stand der Dinge gebracht werden, sagt er denen gleich im Omnibus: "Ich bin der festen Überzeugung, dass die Kanzlerkandidatenfrage nicht am Sonntag entschieden wird." Mit anderen habe er darüber gesprochen. Und außerdem solle von dem Papier, das Kurt Beck und Frank-Walter Steinmeier am Sonntag vorlegen wollten, nicht allzu viel erwartet werden. "Keine Sensationen und keine Neuigkeiten."

          Der Vorsitzende: Kurt Beck auf einem Treffen der Parteispitze in Berlin
          Der Vorsitzende: Kurt Beck auf einem Treffen der Parteispitze in Berlin : Bild: REUTERS

          Es dauert nicht lange, da wissen die Leute in Neuruppin, dass die Struckschen Bemerkungen als Laufband den Fernsehbildern der Nachrichtensender unterlegt sind. Zwar hat Struck so recht eigentlich nichts Neues gesagt. Doch hat er es nicht bei den verwinkelten Darlegungen belassen, die Kandidatenfrage werde "rechtzeitig" beantwortet. Wahrscheinlich wusste Struck da schon, wie sich Steinmeier in der wichtigsten Zeitung Niedersachsens, der "Hannoverschen Allgemeinen", geäußert hatte: "Sollte sich diese Frage jemals stellen, werde ich sie auch beantworten." Manche Freunde Strucks und sogar Steinmeiers finden, ein Vizekanzler, der Kanzler werden wolle, könnte sich auch einmal klarer äußern.

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