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Kritik an Geywitz : SPD-Harmonie mit Rissen

An der Seite von Olaf Scholz: Die Brandenburger SPD-Politikerin Klara Geywitz bewirbt sich mit dem Finanzminister um den SPD-Vorsitz. Bild: dpa

Mit der ungewohnten Einigkeit, die die SPD derzeit ausstrahlt, ist es schon wieder vorbei. Kandidatin Geywitz wird heftig kritisiert. Getroffen werden soll aber eigentlich ein anderer.

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          In der SPD ist es gerade fast zu harmonisch, um wahr zu sein. Denn die Sozialdemokratie war bislang nicht als Partei der Einigkeit bekannt. Zwar spricht sie ständig von Solidarität, aber man konnte das Gefühl bekommen, dass es Sozialdemokraten leichter fällt, die eigene Partei und die eigenen Genossen anzugreifen, als den politischen Gegner. Unvergessen ist der Umgang mit den Vorsitzenden Martin Schulz und Andrea Nahles. Schulz, erst gehypt und als „Gottkanzler“ halb spöttisch, halb ernst bezeichnet, verlor nach dem miserablen Ergebnis bei der Bundestagswahl jegliche Unterstützung. Und über Nahles kursierten schnell Geschichten und Geschichtchen, die ihrer Demontage dienen sollten - wo doch eigentlich alle so stolz darauf waren, nach gut 150 Jahren Parteigeschichte endlich mal eine Frau an der Spitze zu haben.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Und nun das: Fast täglich lässt sich nun beobachten, wie respektvoll, manierlich, aufmerksam und freundlich SPD-Politiker miteinander umgehen. Bei den Regionalkonferenzen, bei denen sich die Kandidaten für den Parteivorsitz vorstellen, erleben die SPD-Anhänger im Saal und die, die den Livestream anschauen, wie man gesittet miteinander um politische Inhalte ringen kann. Wobei, so richtig gerungen wird bei den Regionalkonferenzen nicht. Die Kandidaten stimmen einander sogar hin und wieder zu, klatschen bei einzelnen Forderungen der Konkurrenten und loben deren Vorschläge. Und auch wenn die Kandidaten nicht auf der Bühne stehen und die Mikrophone ausgeschaltet sind, wird nicht schlecht übereinander gesprochen. Bisher kann man den Eindruck gewinnen, dass Partei und Kandidaten gut aus dem langwierigen Findungsprozess herauskommen.

          Aber so ganz kann die SPD eben doch nicht aus ihrer Haut. Der brandenburgische Schatzmeister hat Klara Geywitz, die zusammen mit Bundesfinanzminister Olaf Scholz antritt, nun heftig angegriffen. „Für die erste Reihe der Partei, und dann noch im Duo mit Olaf Scholz, ist sie nicht die Richtige“, sagte Harald Sempf dem Magazin „Spiegel“. Wenn er Minister wäre, würde er sie zur Staatssekretärin mache, er könne sich keine bessere vorstellen. Sie sei ein analytischer Kopf, ihr fehle aber die Herzenswärme. Sempf fasste seine Kritik in diesem mehr als unfreundlichen Bild zusammen: „Aber Klara Geywitz könnte von der zwischenmenschlichen Wärme her auch eine 10.000er-Geflügelfarm leiten.“

          Auch ein Angriff auf Scholz

          Sogleich stellten sich mehrere SPD-Politiker, die deutlich prominenter sind als Sempf, an Geywitz‘ Seite. Katarina Barley, früher Justizministerin und heute stellvertretende Präsidentin des EU-Parlaments, schrieb bei Twitter: „Ich twittere ja selten Persönliches. Aber Klara Geywitz ist einer der liebenswertesten, humorvollsten und anständigsten Menschen, die mit in der Politik begegnet sind.“ Der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, der ebenfalls SPD-Vorsitzender werden will, twitterte: „Sie ist äußerst fair und hört auch den Menschen gut zu. Die Diffamierung ihrer Person ist schäbig und entspricht ihr in keiner Weise.“ Und Ralf Stegner, ebenfalls Kandidat, schrieb: „Fairer Wettbewerb mit viel Gemeinsamkeiten und klaren Unterschieden - darum geht es, wenn wir wollen, dass unser Grundwert Solidarität wieder vorgelebt wird.“ Erik Stohn, Geywitz‘ Nachfolger als Generalsekretär der brandenburgischen SPD, fordert, dass der Auswahlprozess respektvoll bleibe.

          Besonders deutliche Worte fand ausgerechnet der Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs: „Da sollten sich einige schämen!“ Der Angriff auf Geywitz sei „unanständig, falsch und peinlich“. Nun kommt Kahrs genau wie Scholz aus dem Hamburger Landesverband. Kahrs ist als Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises zudem Verfechter einer pragmatischen, sprich regierenden SPD. Diese Position vertritt im Bewerberfeld ebenfalls Scholz. Der Angriff auf Geywitz kann auch als Angriff auf Scholz verstanden werden, der als Favorit ins Rennen um den Vorsitz gegangen ist. Schon vor den Äußerungen zu seiner Team-Partnerin Geywitz hat sich  gezeigt, dass Scholz‘ Weg in Richtung Parteivorsitz mindestens steinig und er verwundbar ist.

          Kritik an Schröder und Gabriel bekommt besonders viel Applaus

          Nun ist Kahrs nicht unbedingt als Friedensengel bekannt. Als Gesine Schwan ihre Kandidatur mit Stegner bekanntgegeben hatte, spottete er auf Twitter: „Gesine ist die Größte. Erst Kevin [Kühnert], jetzt Ralf. Bin gespannt, wen sie als nächstes aus dem Rennen nimmt. Beste Frau.“

          Auch wenn das Harmonie-Gebäude der SPD Risse bekommt, ein brandenburgischer Schatzmeister scheint es nicht zum Einsturz bringen zu können. Die SPD hat derzeit einfach zu viel Freude an den überraschten Gesichtern der Beobachter, die über die Eintracht staunen. Bei den Regionalkonferenzen bekommen die Wortbeiträge, die die früheren Vorsitzenden Gerhard Schröder und Sigmar Gabriel und ihre Nörgeleien kritisieren, besonders viel Applaus.

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