https://www.faz.net/-gpf-127vj

SPD Hamburg : Das System Johannes Kahrs

Der 27 Jahre alte Ilkhanipour beteuert, mit Kahrs habe das nichts zu tun. Das sagt auch Kahrs. Jusos seien nun mal ehrgeizig, Annen habe sich eben zu wenig um seinen Wahlkreis gekümmert. Doch Eimsbüttel zu kippen war seit langem ein Projekt von Kahrs. Immer wieder hat er Mitarbeiter und Praktikanten aus Eimsbüttel in seinem Büro angestellt, manche haben viele Jahre bei ihm gearbeitet, etwa Armita Kazemi. Die 25 Jahre alte Jura-Studentin ist Ilkhanipours Freundin und Ortsvereinsvorsitzende in Eidelstedt, einem Stadtteil im Wahlkreis Eimsbüttel. Dass Kahrs hinter dem Coup steckt, vermuten nicht nur linke SPD-Politiker in Hamburg und in Berlin wie die Partei-Vize Andrea Nahles und der Sprecher der Parteilinken, Björn Böhning.

Auch der ehemalige Bürgermeister Henning Voscherau, lange Vordenker der Rechten in der Hamburger SPD, spricht von „offenkundigem Betrug“. Zur Frage, ob Kahrs dahinterstecke, sagt er: „Zuzutrauen wäre es ihm.“ Kahrs selbst versucht, die Wogen zu glätten. Andrea Nahles soll er per SMS vorgeschlagen haben zu reden. Mit ihm gebe es „nix“ mehr zu reden, soll sie geantwortet haben. Kahrs hat einflussreiche Sozialdemokraten in Hamburg aufgesucht, um seine Unschuld zu beteuern. Beruhigt hat sich die Lage in der Hamburger SPD nicht.

„Gekauft von Johannes Kahrs“

Im Gegenteil: Dutzende Parteimitglieder sind nach Ilkhanipours Putsch aus der SPD ausgetreten. Ganze Ortsvereine in Eimsbüttel weigern sich, für den Putschisten Wahlkampf zu machen. „Ilkhanipour ist kein Sozialdemokrat, er ist nicht einmal Demokrat, sondern gekauft von Johannes Kahrs“, sagt eine junge Genossin. „Ich werde Grün wählen.“ Die Grünen haben die Situation genutzt. Ihre Frontfrau Krista Sager wird gegen Ilkhanipour antreten. Immer wieder versichern Genossen, dass sie nicht dem SPD-Mann, sondern „der Krista“ die Erststimme geben werden. Eine SPD-Ortsvereinsvorsitzende sagt, ihr sei es lieber, der CDU-Mann gewinne die Wahl als Ilkhanipour. Nur dessen Niederlage könne verhindern, dass sich das System Kahrs weiter ausbreite.

In Hamburg ist die SPD so gespalten, dass viele Genossen von zwei Parteien sprechen. Einige Vorstände von Ortsvereinen tagen nicht mehr parteiöffentlich, damit die „Spione von Kahrs“ nicht mehr ihre Sitzungen besuchen. Die Organisationen der SPD sind oft leere Hülsen, einst geschaffen für eine Partei, die in der Hansestadt ein Mehrfaches der heute 11 000 Mitglieder zählte. Sie zu kapern ist leicht für die Leute vom gerade erwachsen gewordenen Kindergarten des Johannes Kahrs. Schon haben seine Realo-Jusos die meisten Bezirke erobert. Zwar ist die Stimmung in der Hamburger SPD verbreitet, Kahrs' Treiben ein Ende zu bereiten. Doch die Linken sind zersplittert, von Verschwörungstheorien geplagt. Ihre Diffamierungen schützen Kahrs.

Andere haben sich lange aus der Partei zurückgezogen oder legen sich, wie der Hamburger Spitzenkandidat und Bundesarbeitsminister Olaf Scholz, nicht offen mit Kahrs an. Die Bundesführung der SPD mischt sich nicht ein. Kahrs kann beruhigt sein. „Politik ist die Kunst, das Notwendige möglich zu machen“, lautet sein Wahlspruch. Sein Ziel, den Hamburger Landesverband zu übernehmen, kann er in wenigen Jahren erreichen. Die Zeit arbeitet für ihn.

Weitere Themen

Trump setzt Attacken gegen Demokratinnen fort Video-Seite öffnen

„Schwache Menschen” : Trump setzt Attacken gegen Demokratinnen fort

Der amerikanische Präsident Donald Trump fordert eine Entschuldigung von vier demokratischen Parlamentarierinnen, die ihm nicht patriotisch genug sind. In seinem neuen Tweet warf Trump den Abgeordneten vor, die Demokratische Partei zu „zerstören".

Topmeldungen

Pläne der neuen Ministerin : Was die Bundeswehr braucht

Die Streitkräfte müssen bereit und fähig für den Einsatz sein. Die bisherigen Bemühungen müssen deshalb fortgesetzt und verstärkt werden – daran wird man die neue Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer messen.

FAZ Plus Artikel: Forderungen der Hohenzollern : Die Selbstversenkung

Der Prinz von Preußen fordert Werke, Wohnrecht, ein Museum. Was vordergründig wie ein Streit um Ohrensessel aussieht, ist ein Ringen um Deutungshoheit. Wurden die Hohenzollern missbraucht? Ein Gastbeitrag.

Engpass bei Medikamenten : Wenn die Arznei nicht mehr zu haben ist

Patienten im Rhein-Main-Gebiet bekommen immer häufiger nicht ihre benötigten Medikamente. Apotheker müssen manche Kunden aufgrund von Lieferengpässen wegschicken. Doch das Problem ist längst nicht mehr nur regional.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.