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SPD Hamburg : Das System Johannes Kahrs

Kahrs wäre nicht der strategisch planende Offizier, hätte er seine Machtbasis in Hamburg nicht systematisch aufgebaut. Um Leute zu finden, die ihm ergeben sind, baut er Ende der neunziger Jahre eine Juso-Organisation mit ganz jungen Leuten auf. Sie sind 15, 16 Jahre alt. Wer sich für die SPD interessiert, wird zur Schüler-Juso-Gruppe eingeladen. Die trifft sich im dritten Stock des Kurt-Schumacher-Hauses, gleich neben dem Büro von Kahrs. Wer zum ersten Mal dabei ist, wird von einem der Erfahrenen angesprochen, ob er das nächste Mal wiederkomme. Wer nicht wiederkommt, wird angerufen, zum Kaffee eingeladen. Nach wenigen Treffen wird ein Praktikum im Büro von Johannes Kahrs angeboten. Manche können zum Praktikum nach Berlin gehen, in der Wohnung des Bundestagsabgeordneten übernachten. Die Reise nach Berlin ist für 15, 16 Jahre alte Jugendliche eine reizvolle Erfahrung. Mancher ist nach wenigen Wochen im Vorstand der Schüler-Jusos. Weitere Karriereschritte, etwa der Juso-Kreisvorstand, werden in Aussicht gestellt für die, die neue Leute werben. Denen wird erklärt, wer die Feinde sind: die linken Jusos, die Linken in der SPD.

Partys, Bier und Alkohol statt langer Diskussionen

Anders als bei den Linken wird bei den Kahrs-Jusos nicht viel diskutiert. Dafür feiert man, geht aus. Für Schüler ist es reizvoll, wenn der Praktikumsbetreuer nach dem Rhetorikseminar noch einen Kasten Bier und Schnaps vorbeibringt, damit die Party abends gut wird. Auch vor Schulen werben die Kahrs-Jusos mit Einladungen zu Freigetränken. Mancher wird auch als Maulwurf zum „Juso-Forum“ geschickt, um dort zu sehen, wer sich bei dem Treffen der verbliebenen linken Jusos herumtreibt. Er hat dann dem Juso-Geschäftsführer Bericht zu erstatten, damit klar ist, wem man nicht trauen kann.

Am Montagmorgen ist es stets voll in Kahrs' Hamburger Büro - ein Dutzend Mitarbeiter und Praktikanten sind dann anwesend, die Aufgaben werden verteilt. So organisiert Kahrs seine Berlin-Fahrten, seine Wahlkämpfe, die Betreuung der Schüler-Praktikanten. 40 bis 50 Praktikanten hat Kahrs nach eigenen Angaben jedes Jahr in Hamburg und Berlin. Er nennt das „mein anderes Geschäftsmodell“. Kahrs hat sich Gefolgsleute herangezogen, die ihm persönlich verpflichtet sind. Sie stellen heute die Juso-Führung in Hamburg, einige sitzen in der Bürgerschaft.

Putsch perfekt

Einer der engen Gefolgsleute ist Danial Ilkhanipour, Sohn eines Exil-Iraners. Der Vater verließ die Familie, als sein Sohn zwei war. Mit 16 lernt Ilkhanipour Kahrs kennen, wird Mitarbeiter im Büro, Praktikumsbetreuer, eine Art Unteroffizier. Ilkhanipour, Jura-Student im 17. Semester und bis vor wenigen Wochen Hamburger Juso-Chef, sorgt im November 2008 für einen Eklat. Seine Jusos überrennen im traditionell linken Hamburger SPD-Wahlkreis Eimsbüttel eine Ortsvereinssitzung nach der anderen. Oft sind es Leute, die bei Parteiversammlungen noch nie gesehen wurden.

Nun setzen sie bei den Abstimmungen für die Wahlkreiskonferenz ihre Delegierten durch. Zunächst scheint die Aktion sinnlos. Denn für die anstehende Wahl des Bundestagskandidaten gibt es nur einen Bewerber, den linken Bundestagsabgeordneten Niels Annen. Doch nach der letzten Delegiertenwahl erklärt Ilkhanipour seine Kandidatur - nachdem er sich zuvor in seinem Ortsverein selbst als Delegierter hatte wählen lassen. Auf der Wahlkreiskonferenz gewinnt er gegen Annen - mit einer Stimme Mehrheit. Der Putsch ist perfekt.

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