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SPD-Debakel in Bremen : Untergang an der Weser

Historische Niederlage: Carsten Sieling (SPD) am Sonntagabend in Bremen Bild: Daniel Pilar

In Bremen ist das Historische geschehen: Zum ersten Mal seit 73 Jahren liegt die CDU vor der SPD, die ihr schlechtestes Ergebnis seit Bestehen der Bundesrepublik verkraften muss. Wie soll sie aus diesem Tief wieder herauskommen?

          „Ist das Kölschglas leer, kommt ungefragt ein neues daher“, steht auf der Kreidetafel, die in der „Ständigen Vertretung“ von der Decke hängt. In der Kneipe haben die Bremer Sozialdemokraten schon einige Wahlabende begangen und zufrieden an ihren Bierchen genippt. Auch am Sonntagabend wird wieder fleißig getrunken, allerdings aus einem anderen Grund. Die Sozialdemokraten betäuben ihre Trübsal, denn die Prognosen, die um 18 Uhr auf den Bildschirmen erscheinen, sind nicht nur die schlechtesten seit Bestehen des Bundeslands Bremen. Die SPD liegt auch erstmals in der Geschichte der Bremer Bürgerschaft hinter der CDU – wenn die Prognosen richtig liegen, diese Einschätzung sollte man an diesem Abend immer hinzufügen. Das Bremer Wahlrecht ist kompliziert. Anders als bei anderen Landtagswahlen gibt es stundenlang keine Hochrechnungen und das vorläufige amtliche Endergebnis wird erst in einigen Tagen vorliegen.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Aber auch die Hoffnung infolge dieser Ungewissheit hilft der Stimmung in der „ständigen Vertretung“ nicht auf die Beine. Die Genossen starren auf ihre Biergläser und nehmen die Ergebnisse schweigsam hin. Ein paar Laute der Enttäuschung, als der Balken der CDU länger wird als der SPD-Balken. Noch etwas lauter äußert sich die Enttäuschung, als die sechs Prozent der FDP angezeigt werden. Denn erst dadurch bekommt die CDU eine Machtoption in Form von Jamaika. Es tritt also genau das Szenario ein, das die SPD vor der Wahl befürchten musste: Historische Niederlage, CDU vorne, Jamaika möglich. Damit stellt sich auch die Frage, welche politische Zukunft Carsten Sieling in der SPD noch haben wird. Die jungen SPD-Politiker am Tisch schauen ob dieser Frage wieder ratlos ihre Kölschgläser an. An der Basis vermuten viele am frühen Wahlabend, dass sich Sieling so oder so nicht halten wird. Um 18.19 Uhr kommt er. Der Bürgermeister nennt das Ergebnis „durchaus enttäuschend“. Sieling verspricht, man werde intern „offen und ehrlich“ besprechen, „wie wir damit umgehen.“ Zum Schluss sagt Sieling aber noch einen aufschlussreichen Satz: „Wir gehen in die Zukunft und wollen gestalten.“

          Diese Stoßrichtung haben auch die Äußerungen anderer SPD-Parteigrößen. Die Sozialdemokraten haben trotz ihrer historischen Niederlage die Hoffnung nicht aufgegeben, dass der Schlüssel zum Rathaus weiter in ihren Händen bleibt. Denn die deutlichste Mehrheit hat nach den Prognosen weiter Rot-Rot-Grün. Vor einer Woche hatte der SPD-Parteivorstand eine große Koalition angesichts der sinkenden Umfragewerte ausgeschlossen und klar auf ein solches Linksbündnis gesetzt. Der frühere SPD-Landesvorsitzende Andreas Bovenschulte sagt mit Blick auf die weiter bestehende Option Rot-Rot-Grün, die „Gestaltungsmöglichkeiten sind noch nicht vom Tisch“. Die Grünen hätten nun in der Hand, mit wem sie eine Regierung bilden wollten und werden mit beiden Seiten sondieren. „Und es gibt keine parlamentarische Gepflogenheit, dass zwingend der Wahlgewinner den Auftrag zur Regierungsbildung hat“, sagt Bovenschulte und sieht deshalb auch keinen Grund für einen Rücktritt von Sieling.

          Sieger und Verlierer: CDU-Spitzenkandidat Carsten Meyer-Heder, SPD-Bürgermeister und Spitzenkandidat Carsten Sieling am Sonntagabend

          In der Partei sehen manche allerdings auch in Bovenschulte einen möglichen neuen Bürgermeister. Er war schon als Nachfolger von Sielings Vorgänger Böhrnsen gehandelt worden, wechselte aber als Bürgermeister ins niedersächsische Weyhe, als sich dieser Plan zerschlug. Nun kehrt er in die Bürgerschaft zurück – und ist dort gemeinsam mit seinen Parteifreunden mit der bisher ungewohnten Situation konfrontiert, dass in Gestalt der Grünen andere über die Zukunft der Sozialdemokraten entscheiden könnten.

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