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SPD-Debakel in Bremen : Untergang an der Weser

Wenige Sekunden bevor auf einer Großleinwand die ersten Prognosen gezeigt werden, werden auf der CDU-Wahlparty deutliche Worte gesprochen. Das mögliche Ergebnis der CDU in absoluten Zahlen ist Thema. „Scheißegal – Hauptsache vorn“, sagt der Vizepräsident der Bremer Bürgerschaft Frank Imhoff im Menschenpulk zu der Landtagsabgeordneten Susanne Grobien. „Sonst machen die Sozis Rot-Rot-Grün!“ Die CDU interessiert vor allem das Bürgermeisteramt und der historische Sieg über die SPD, nicht die absolute Prozentzahl. Ein Chor von Vertretern der Parteijugend „Junge Union“ (JU) zählt die Sekunden bis zum historischen Moment. Drei, Zwei, Eins, Null – erwartungsvolle Stille im Raum. Auf einer Großleinwand wachsen die Balkendiagramme in die Höhe. Als der CDU-Balken in dieser ersten Prognose knapp über dem der SPD stehenbleibt, beginnt der Jubel im Saal, der lange andauert.

Es ist nicht nur eine Zäsur in Zahlen. Der Einmarsch des Spitzenkandidaten Carsten Meyer-Heder wirft auch die Frage auf, ob in Bremen eine gewandelte, modernisierte CDU entstanden ist. Für die Hintergrundmusik haben die Funktionäre das Lied „Alles neu“ des Berliner Reggae-Dancehall-Künstler Peter Fox ausgewählt, dessen Musik eher mit Dreadlocks und Marijuana-Konsum verbunden wurde als mit dem Grundsatzprogramm der CDU. Auch sonst ist alles neu. Hinter Meyer-Heder marschieren JU-Mitglieder mit knallorangefarbenen Schildern „Unser Bremen kann mehr“. „Hey, alles glänzt, so schön neu / Hey, wenn’s dir nicht gefällt, mach neu“, singt Peter Fox aus den Lautsprechern. Für einen Moment wiegt die Menge sich klatschend im Dancehall-Takt.

Seine Unkonventionalität beweist Meyer-Heder schon in seiner knappen Rede kurz nach 18 Uhr. „Ist ja mein erster Wahlkampf“, sagt der IT-Unternehmern, der erst im vergangenen Jahr in die CDU eingetreten war – aber immerhin schon ein „historischer“. Das sei „einigermaßen beeindruckend“. Die Menge unterbricht ihn mit einem Fangesang. „So sehen Sieger aus – Schalalala!“ Die Begeisterung gefällt Meyer-Heder, er kokettiert weiter mit seiner Rolle als Neuling: „Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich viel früher in die Politik gegangen“, ruft er. Er habe drei Ziele gehabt, erstens die SPD abzustrafen, zweitens die CDU zur stärksten Kraft zu machen und drittens Bürgermeister zu werden, sagt Meyer-Heder später vor Journalisten. Den ersten Prognosen zufolge sind die ersten beiden Ziele erreicht. Es ist der dritte Punkt, der den Funktionären noch Kopfzerbrechen bereitet. Sie müssen die Grünen zu einer Jamaika-Koalition überreden.

Liebeserklärung an die Grünen

Schon die Lokalität der CDU-Wahlparty lässt sich als Liebeserklärung an die Grünen deuten. Die „Markthalle Acht“ ist im Stile eines urbanen Wochenmarktes gestaltet, es gibt Bionade, Fritz-Cola und Direktsaft. Freitags wird Streetfood angeboten, ein Manufactum-Geschäft ist nicht weit. Vor allem aber in den Worten der Anwesenden werden die Grünen mit allerlei Zärtlichkeiten bedacht. Eine Koalition mit den Grünen nennt das Landesvorstandsmitglied Jens Eckhoff ein „ideales Bündnis“, die Wähler wollten die wirtschaftsfreundliche Politik der CDU gepaart mit den Klimaschutzvorhaben der Grünen. Im Klimabereich habe die CDU eine „echte Schwäche“, da seien die Aussagen des Youtubers Rezo nur die „Spitze des Eisberges“. Manche in der CDU wollten gar Subventionen für Erneuerbare Energien abbauen, das sei „sowas von achtziger Jahre“, sagt Eckhoff mit einem Kopfschütteln. Auch Imhoff will den Grünen ein unmissverständliches Zeichen geben: „Wir müssen auf die Grünen zugehen und das werden wir auch.“ Dass die Bremer CDU in absoluten Zahlen keineswegs ein Rekordergebnis erreicht hat, wollen die CDU-Politiker so nicht gelten lassen. Immerhin habe es früher immer geheißen, die Bremer CDU liege zehn Prozent hinter der Bundes-CDU. Diesen Abstand gebe es nicht mehr. Dass das mehr mit der historischen Schwäche der Bundes-CDU als mit einer historischen Stärke der Bremer zu tun haben könnte, sagen sie nicht.

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