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SPD : Ansprüche einer Kieler Kulturpessimistin

Plötzlich Politikerin: Susanne Gaschke Bild: dpa

Der bisherige Kieler Oberbürgermeister ist nun SPD-Ministerpräsident. Die Wahl seines Nachfolgers im Rathaus ist ein Stimmungstest für seine Regierung. Siegen soll für die SPD eine Journalistin.

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          Weil aus dem Kieler Oberbürgermeister Torsten Albig (SPD) im Juni der Kieler Ministerpräsident Torsten Albig wurde, muss die Stadt am 28. Oktober seinen Nachfolger im Rathaus wählen. Bislang hat allein die SPD ihren Kandidaten benannt: Susanne Gaschke, eine Redakteurin der Wochenzeitung „Die Zeit“. Sie konnte sich am Samstag gegen drei Mitbewerber, darunter die Landeswahlleiterin Manuela Söller-Winkler, die freilich erst im Zusammenhang mit ihrer Bewerbung in die SPD eingetreten war, durchsetzen - jedoch erst im zweiten Wahlgang und dann auch nur knapp. Alle drei Mitbewerber konnten auf Erfahrungen in der Verwaltung und auch bei Leitungsfunktionen verweisen.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Frau Gaschke hingegen, 45 Jahre alt und in Kiel geboren, verbreitet in der „Zeit“ regelmäßig ihre Ansichten als „Kulturpessimistin“ und Kapitalismuskritikerin. Frau Gaschke ist mit vielen in der SPD, der sie seit einem Vierteljahrhundert angehört, bekannt, nicht zuletzt durch ihren Ehemann, den Kieler Bundestagsabgeordneten Hans-Peter Bartels. Dennoch ist sie vor allem unter den Parteifunktionären umstritten.

          Frau Gaschkes Bewerbung erinnert an den früheren „Zeit“-Herausgeber Michael Naumann. Naumann war 2008 als SPD-Kandidat gegen Bürgermeister Ole von Beust (CDU) angetreten - als Kompromisskandidat in einem mit allen Mitteln ausgetragenen innerparteilichen Machtkampf. Naumann verlor haushoch. Erst nach dem Rücktritt des beliebten Beust bekam die SPD in Hamburg wieder ihre Chance. Seit dem vergangenen Jahr ist der Landesvorsitzende Olaf Scholz auch Bürgermeister, regieren die Sozialdemokraten mit absoluter Mehrheit - ohne Naumann. Naumann war es auch, der schon vor Wochen die Bewerbung seiner früheren Kollegin Gaschke öffentlich lobte: „Sie ist ein politischer Kopf.“

          Kritischer Zustand der Nord-CDU

          Kiel gilt als Hochburg der Sozialdemokraten. Aber auch in Kiel hatte es die CDU wenigstens eine Legislaturperiode lang geschafft, den Oberbürgermeister zu stellen: Angelika Volquartz übte das Amt von 2003 bis 2009 aus, scheiterte jedoch bei der Wiederwahl - an Albig. Die CDU wird bei der Oberbürgermeisterwahl vermutlich mit Gert Meyer ins Rennen gehen, der 2006 als Stadtkämmerer Nachfolger von Albig wurde, als dieser ins Bundesfinanzministerium wechselte. Bis März hat Meyer das Amt ausgeübt. Zuvor war er schon Fraktionsvorsitzender der CDU in der Kieler Ratsversammlung gewesen. Die Entscheidung soll am 24. August fallen. Bei den Grünen dürfte Andreas Tietze, der stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Landtag, als Kandidat antreten.

          Um die landespolitische Bedeutung der Kieler Oberbürgermeisterwahl am 28. Oktober für Schleswig-Holstein richtig zu ermessen, lohnt ein Blick zurück. Auf den 14. August 2011, einen Sonntag. Die Medien berichteten damals erstmals über Christian von Boettichers Beziehung zu einem sechzehn Jahre alten Mädchen. Am Abend musste Boetticher vom Amt des Landesvorsitzenden der CDU und von der Spitzenkandidatur für die Landtagswahl am 6. Mai 2012 zurücktreten. Einen Tag später musste er auch den Fraktionsvorsitz aufgeben. Nur sein Landtagsmandat behielt er bis zum Ende der Legislaturperiode, um wenigstens die Mehrheit von einer Stimme für CDU und FDP im Landtag zu retten. Erkennbar wurde an diesen Tagen, wie umstritten Boetticher in seiner Partei war und wie viele Feinde er hatte. Erkennbar wurde der kritische Zustand der Nord-CDU.

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