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Spahn und Giffey informieren : „Ostern wird eine Weggabelung sein“

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) bei einer Pressekonferenz mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU, rechts) und RKI-Chef Lothar Wieler Bild: Reuters

Die Anti-Corona-Maßnahmen wirkten, sagt der Bundesgesundheitsminister. Nun gelte es, die Erfolge nicht zu gefährden. Die Bundesfamilienministerin warnt mit Blick auf den Schutz älterer und vorbelasteter Menschen vor einer „Zwei-Klassen-Gesellschaft“.

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          Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU)  hat die Bürger aufgerufen, die Kontaktbeschränkungen wegen der Corona-Krise über die anstehenden Feiertage unbedingt einzuhalten. „Ostern wird eine Weggabelung sein“, sagte der CDU-Politiker am Donnerstag in Berlin und appellierte an die Menschen:  „Bleiben wir auch übers Wochenende konsequent, wird die schrittweise Rückkehr zur Normalität wahrscheinlicher. Werden wir jetzt nachlässig, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Verlängerung der Auflagen nötig wird.“ Wenn Menschen nun wieder anfangen würden, sich in Gruppen zu treffen, würden die bisherigen Erfolge gefährdet.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          „Ja, wir wollen schrittweise zurück zur Realität. Aber von einem Alltag, wie wir ihn vor Corona kannten, sind wir weit entfernt“, sagte Spahn. Ostern sei eine „Weggabelung“, an der sich entscheide, wie lange die Auflagen weiter gelten müssten. Er verwies darauf, dass die Einschnitte in den Alltag Wirkung zeigten und erste Erfolge zu sehen seien. So gebe es bei fast 110.000 Infizierten mehr als 50.000 Gesundete. Die Zahl neu gemeldeter Infektionen flache sich ab. Es gebe nun eine „lineare Steigerung“, keine exponentielle mehr.

          Ambulante Praxen als „erster Schutzwall“

          Es gelte nun aber, diese ersten Erfolge nicht zu gefährden. Auch wenn eine schrittweise Rückkehr zur Normalität angestrebt werde, sei man weit davon entfernt, dass alles so werde, wie es einmal war. Es müsse noch über Wochen und Monate etwa auf Festivals, Clubbesuche oder Volksfeste verzichtet werden. „Gut vorbereitet sein, heißt nicht, alles vorher wissen“, sagte Spahn und verwies darauf, dass 100.000 Tests pro Tag gemacht werden könnten. Besonders intensiv werde jetzt in Pflege- und Altersheimen getestet.

          Insgesamt ist das Gesundheitswesen in der Wahrnehmung Spahns „vergleichsweise gut durchgekommen“. Derzeit seien 3000 Covid-Patienten in Intensiv-Behandlung, mehr als 10.000 Intensivbetten seien frei. Solange das noch so sei, könne Deutschland sich umso mehr solidarisch zeigen und den europäischen Nachbarn helfen, deren Intensivbetten belegt seien. Sechs von sieben Corona-Patienten würden ambulant in Praxen behandelt, die den „ersten Schutzwall“ bildeten.

          Die Zahl der in Deutschland mit dem Coronavirus Neuinfizierten ist nach Angaben des Präsidenten des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, weiter auf einem „hohen Niveau“. „Von einer Entspannung kann man noch nicht wirklich ausgehen“, sagte Wieler am Donnerstag in Berlin. Die Betroffenen hätten ein Durchschnittsalter von 49 Jahren. Die Zahl der Todesfälle sei in den vergangenen Tagen „kontinuierlich“ gestiegen. Die Todesrate liege nun bei 1,9 Prozent. Das liege daran, dass sich immer mehr ältere Menschen in Alters- und Pflegeheimen ansteckten. Das Durchschnittsalter der Verstorbenen liege bei 80 Jahren. Das RKI wünsche sich deutlich mehr Obduktionen, um zu wissen, woran Menschen genau gestorben seien.

          Das RKI will nun große bundesweite Antikörperstudien zur Verbreitung des Coronavirus starten. Damit soll ermittelt werden, wie viele Menschen bereits eine Infektion durchmachten und damit nun zumindest für eine gewisse Zeit immun gegen das Virus sind. Untersucht wird, ob sich im Blut der Studienteilnehmer Antikörper gegen SARS-CoV-2 nachweisen lassen, was ein sicherer Hinweis auf eine durchgemachte Infektion ist.

          RKI will mehr über Letalität des Virus herausfinden

          „Von diesen Studien erwarten wir uns ein genaueres Bild über das SARS-CoV-2-Geschehen in Deutschland“, so RKI-Präsident Wieler. In einer weiteren Studie sollen je 2000 Infizierte an vier Orten untersucht werden. Davon erhofft sich das RKI weitere Einsichten über das Infektionsgeschehen. Die Studie soll Mitte April beginnen, die zu untersuchenden Orte stehen noch nicht fest. Eine dritte bevölkerungsrepräsentative Studie mit 15.000 Teilnehmern soll später im Mai beginnen. Davon erhofft sich das RKI Erkenntnisse über die Letalität des Virus. Die freiwillige App des RKI nutzten zu seiner Überraschung mehr als 160.000 Menschen, sagte Wieler.

          Seit der Ausweitung des Kinderzuschlags zur Unterstützung von Eltern in der Corona-Krise sind nach Angaben von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) fast 80.000 Online-Anträge auf die Familienleistung eingegangen. Viele Mitarbeiter in den Familienkassen arbeiteten jetzt daran, dass die Familien die Unterstützung erhielten, sagte die SPD-Politikerin am Donnerstag in Berlin. Kinderzuschlag bekommen Familien mit niedrigem Einkommen, das nur knapp über Hartz-IV-Niveau liegt. Abhängig von der Bedürftigkeit gibt es maximal 185 Euro pro Kind und Monat. Der Betrag wird monatlich gemeinsam mit dem Kindergeld überwiesen.

          Appell an Kompromissbereitschaft in Familien

          Um Familien mit wegbrechenden Einkommen in der Corona-Krise zu unterstützen, gelten seit Anfang April befristet bis Ende September neue Berechnungsgrundlagen: Beim Antrag wird nur noch das Einkommen des letzten Monats geprüft, nicht das der letzten sechs Monate wie das normalerweise der Fall ist. Dadurch qualifizieren sich mehr Eltern für den Kinderzuschlag.

          Giffey verwies darüber hinaus auf Not-Telefone für Kinder und Jugendliche sowie für Frauen. Mit Blick auf den Schutz älterer und vorbelasteter Menschen warnte sie davor, eine „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ aufzumachen, in der die einen nach draußen dürften und die anderen drin bleiben müssten.

          Der Psychiater und Stressforscher Mazda Adli von der Charité appellierte an die Kompromissbereitschaft im Umgang mit Konflikten in der Familie, die sich vor allem durch das Zusammensein auf engem Raum entwickelten. „Wir alle beteiligen uns an einem großen Präventionsprojekt“, sagte Adli. Er riet der Bevölkerung, gerade über die Festtage lange coronafreie Zeiten ohne Nachrichten zu verbringen. Es gehe darum, die Hoffnung aufrechtzuerhalten, das heißt Resilienz aufzubauen.

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