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Corona-Pressekonferenz : Spahn warnt vor „traurigem Höhepunkt“ an Weihnachten

RKI-Chef Lothar Wieler und der geschäftsführende Gesundheitsminister Jens Spahn bei der wöchentlichen Corona-Pressekonferenz am 3. Dezember in Berlin Bild: Reuters

Das Coronavirus wütet derzeit fast so stark wie vor knapp einem Jahr. Gesundheitsminister Jens Spahn zeichnet bei der Pressekonferenz ein düsteres Bild für die Feiertage. Und auch RKI-Chef Lothar Wieler will keine Entwarnung geben.

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          Man kennt die Bilder, es gab ja schließlich mehrere Dutzend dieser Auftritte seit dem Beginn der Pandemie. Alleine in der Bundespressekonferenz saßen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), inzwischen nur noch geschäftsführend im Amt, und der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, 44 Mal nebeneinander in ihren dunklen Anzügen vor der hellblauen Wand. Haben erklärt, gemahnt und gewarnt. Am Freitag wieder das gewohnte Bild, vermutlich zum letzten Mal in dieser Besetzung. In der kommenden Woche soll Olaf Scholz (SPD) zum neuen Bundeskanzler gewählt werden. Wer in der Ampelkoalition neuer Gesundheitsminister wird, ist noch offen – klar ist nur, dass das Ministerium an die SPD geht.

          Kim Björn Becker
          Redakteur in der Politik.

          Jens Spahn greift den Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz vom Donnerstag auf. Die Regierungschefs hatten beschlossen, dass die 2-G-Regel ausgeweitet wird und es scharfe Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte gibt. „Unsere Mahnungen haben geholfen“, sagt Spahn. „Aber die Entscheidungen kamen spät, für viele zu spät.“ Er meint die vollen Intensivstationen, die steigende Zahl der Corona-Toten. Die Lage ist in der Tat kritisch. Am Freitagmorgen meldete das RKI eine bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz von 442,1 Fällen pro 100.000 Einwohnern, binnen eines Tages starben 390 Personen im Zusammenhang mit einer Infektion. Auf den Intensivstationen lagen 4793 Covid-19-Patienten, mehr als die Hälfte von ihnen musste künstlich beatmet werden.

          Wie konnte es so schlimm werden?

          Damit wütet das Virus derzeit fast so stark wie vor knapp einem Jahr. Als um den Jahreswechsel herum gerade die ersten Bürger ihre erste Impfung bekamen, waren die Intensivstationen so voll wie nie zuvor mit Covid-19-Kranken. 5703 Patienten waren des damals, 1000 mehr als heute. Die Marke von 5000 Patienten werde demnächst sicher wieder überschritten, sagt Spahn am Freitag in Berlin voraus. Einige, die sich jetzt ansteckten, würden in den kommenden Wochen im Krankenhaus behandelt werden müssen. „Die Lage auf den Intensivstationen wird rund um Weihnachten ihren traurigen Höhepunkt erreichen“, sagt Spahn.

          Dass es so schlimm werden konnte, hat aus der Sicht des scheidenden Ministers vor allem etwas mit den zu geringen Impfquoten zu tun. Derzeit sind nur knapp 69 Prozent der Deutschen vollständig geimpft, weniger als in manchen anderen europäischen Ländern. Zwar sei es richtig, dass sich auch Geimpfte nach einiger Zeit wieder anstecken und auch erkranken könnten, sagt Spahn. Aber die Inzidenzen unter Geimpften seien doch wesentlich geringer als unter Ungeimpften, auch machen Ungeimpfte einen hohen Anteil der Intensivpatienten aus. „Wären alle erwachsenen Deutschen geimpft, steckten wir nicht in dieser schwierigen Lage“, sagt Spahn. Mit Blick auf die Beschlüsse der Ministerpräsidenten vom Vortag fügt er einen Satz hinzu: „Man hätte diese Konsequenz früher an den Tag legen müssen.“ Meint er damit die Regierungschefs der Länder, meint er sich selbst?

          Die Inzidenz ist in den vergangenen Tagen nicht mehr so stark geklettert wie zuvor, teilweise sank sie sogar leicht – von 484 Fällen auf nunmehr 442 pro 100.000 Einwohner binnen einer  Woche. RKI-Chef Lothar Wieler spricht von einem „sehr hohen Plateau“, auf dem sich die Ansteckungszahlen gerade befinden. Entwarnung will er deshalb nicht geben, ganz im Gegenteil.  „Die Fallzahlen sind weiter viel zu hoch“, sagt Wieler. Zwar könne die Seitwärtsbewegung in einigen Gegenden des Landes auf kürzlich beschlossene schärfere Corona-Maßnahmen zurückzuführen sein. Doch vielerorts seien eben auch „die Kapazitäten erschöpft“, sagt Wieler. Labore kommen mit dem Testen nicht hinterher, Gesundheitsämter melden Infektionen wegen Überlastung erst viel später nach. Wieler sagt: „Es ist viel zu früh, hier eine Trendumkehr zu sehen und auf schärfere Maßnahmen zu verzichten.“

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