https://www.faz.net/-gpf-adazj

Coronavirus : Spahn: Delta wird schon im Juli dominieren

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am 1. Juli 2021 in Berlin. Bild: Reuters

Bundesgesundheitsminister Seehofer kritisiert die UEFA und Jens Spahn kündigt eine starke Verbreitung der Delta-Variante in Deutschland an. Gleichzeitig gibt es einen Grund zur Entwarnung.

          3 Min.

          Angesichts der Neuinfektion von 2000 schottischen Fußballfans hat Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) am Donnerstag scharfe Kritik an der UEFA geäußert, die trotz allem an der umstrittenen Zuschauerzulassung bei der Europameisterschaft festhalten will. „Ich halte diese Position der UEFA für absolut verantwortungslos“, sagte Seehofer vor der Bundespressekonferenz in Berlin. Er könne sich nicht erklären, „warum die UEFA hier nicht einer Linie der Vernunft folgt“, sagte er. Sein Verdacht sei, „dass es um Kommerz geht“. Kommerz dürfe den Gesundheitsschutz für die Bevölkerung nicht überstrahlen.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Mindestens jede zweite Corona-Ansteckung geht nach Schätzung des Robert Koch-Instituts (RKI) auf die Delta-Variante zurück. Das geht aus einem Bericht des RKI von Mittwochabend hervor, der den Anteil von Delta in der Woche vom 14. bis 20. Juni auf etwa 37 Prozent beziffert; in der letzten Juni-Woche dürfte er entsprechend höher gelegen haben. Noch ist die Sieben-Tage-Inzidenz in Deutschland mit 5,5 pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen vergleichsweise niedrig. Fachleute halten eine Trendumkehr bei einer anhaltenden Ausbreitung der Delta-Variante aber für wahrscheinlich. So äußerte sich etwa die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek im NDR.

          Laut einer Simulationsstudie der Universität Bonn haben Schnelltests das Coronavirus in der zweiten und dritten Pandemiewelle noch effektiver eingedämmt als Impfungen. Obwohl die Impfrate während der dritten Coronawelle im Frühjahr von fünf auf 40 Prozent gestiegen war, war sie nach den Berechnungen der Forscher nur für 16 Prozent des Rückgangs der Infektionszahlen im untersuchten Zeitraum verantwortlich.

          Stationäre Grenzkontrollen schließt Bundesinnenminister Seehofer weiter aus. Dazu will er sich auch nicht von den Ministerpräsidenten drängen lassen, um lange Wartestaus zu vermeiden. Im vergangenen Jahr hätten sich Parkplätze mit Ausleitungen bewährt, sagte er. Außerdem hätten gerade Landesregierungen, die solche Kontrollen forderten, während der Grenzkontrollen im vergangenen Jahr auf mehr Ausnahmen gedrungen. „Dieses Spiel legen wir nicht ein zweites Mal auf“, sagte Seehofer.

          Strengere Überwachung von Reiserückkehrern

          Allerdings appellierte er an die Länder und Kommunen und deren Gesundheitsämter, die Quarantäne-Pflichten nach der Rückkehr aus Risikogebieten (Inzidenz ab 50), Virusvariantengebieten (gefährliche Mutanten, deren Einfluss auf Impfungen noch unbekannt ist) und Hochinzidenzgebieten (Inzidenz höher als 200) strenger zu überwachen. Auch wer mit dem Auto einreise, sei verpflichtet, eine elektronische Anmeldung auszufüllen und bei Grenzkontrollen vorzuzeigen. „Wer einreist, muss damit rechnen, kontrolliert zu werden“, sagte Seehofer. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) pflichtete ihm bei und verwies darauf, dass die Gesundheitsämter nun aufgrund gesunkener Infektionszahlen mehr Kapazitäten hätten, um die Einhaltung der Quarantäne von Reiserückkehrern engmaschiger zu überprüfen.

          Derzeit ist kein Nachbarland Deutschlands als Risikogebiet eingestuft. Bei den Stichprobenkontrollen von Autofahrern in der Nähe der Grenze geht es vor allem um Rückkehrer, die aus der Türkei und Großbritannien kommen und teilweise große Umwege in Kauf nehmen, um von einem Nachbarland einzureisen. „Uns interessiert der Reiseverkehr aus der Türkei“, die als Corona-Risikogebiet gilt. Umfassende Kontrollen und eine Testpflicht soll es aber weiterhin nur bei Flugreisen geben.

          Die doppelte Impfung schützt - auch vor Delta

          Portugal und das Vereinigte Königreich könnten im Zuge der weiteren Ausbreitung der Delta-Variante schon in Kürze nicht mehr als Virusvariantengebiete eingestuft werden. Ebenso wie Russland und zuvor Großbritannien war Portugal wegen der Ausbreitung der Delta-Variante als Virusvariantengebiet eingestuft worden. Damit gelten für Heimkehrer strenge Beschränkungen. Die Rückkehrer müssen auf jeden Fall für 14 Tage in Quarantäne, auch wenn sie geimpft oder genesen sind. Sie können sich auch nicht freitesten.

          Inzwischen ist geklärt, dass eine doppelte Impfung mit den gängigen Impfstoffen in Deutschland auch gegen die Delta-Variante hilft. „Mit dem Wissen, dass sich jetzt in den letzten Tagen bestätigt hat, dass bei dieser Variante die doppelte Impfung schützt, haben wir die Möglichkeit, dann zu einer anderen Einstufung zu kommen“, sagte Spahn. Auch hier mache dann die doppelte Impfung „einen Unterschied“. Entscheidend für die in den kommenden Tagen zu erwartende Entscheidung werde sein, dass der relative Anteil der Variante in Deutschland steigt und diese dominierend werde, sagte Spahn, der schon für Juli mit 70 bis 80 Prozent Neuinfektionen rechnet, die auf die Delta-Variante zurückgehen.

          Er verwies darauf, dass inzwischen 75 Millionen Impfdosen verimpft wurden, zwei von drei Erwachsenen seien mindestens einmal geimpft, 37,3 Prozent hätten auch schon die zweite Impfung erhalten. Nun setzten sich Bund und Länder dafür ein, dass auch die zwölf bis 18 Jahre alten Jugendlichen sich impfen lassen könnten und die Ständige Impfkommission ihre Empfehlung erweitere. Kanzleramtschef Helge Braun kündigte in mehreren Zeitungsinterviews an, spätestens zu Semesterbeginn leicht zugängliche Impfangebote an allen Universitäten zu machen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Zapfenstreich für Merkel : Abschied mit Fackeln und Schlagern

          Mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedete sich die Bundeswehr von Angela Merkel nach 16 Jahren im Amt. Die Kanzlerin hält zwei Ratschläge bereit – und freut sich über Schlager aus Ost und West.
          Militärübung Zapad: Alexandr Lukaschenko Mitte September auf dem Truppenübungsplatz Obuz-Lesnovsky

          Sorgen um die Ukraine : Lukaschenko droht für Putin

          Der Minsker Machthaber kündigt „Manöver“ mit Russland nahe der Ukraine an – und stellt sogar die Stationierung russischer Nuklearwaffen in Belarus in Aussicht.
          Tritt von der politischen Bühne ab: Sebastian Kurz am Donnerstag in Wien

          Österreichs früherer Kanzler : Wie lange ist Kurz weg?

          Österreichs früherer Kanzler Sebastian Kurz legt seine politischen Ämter nieder und spricht davon, dass er seine Begeisterung verloren habe. Ob es ein Abschied für immer sein soll, bleibt offen.